Kolumne "Digitale Zwischenräume" - The Digioneer, Donnerstag, 2. April 2025
Das tewa am Karmelitermarkt riecht nach frisch gemahlenem Kaffee und dem leisen Misstrauen des Morgens. Ich sitze an meinem Stammtisch, der Café Olé noch unberührt vor mir, und scrolle durch die gestrigen Meldungen mit einem einzigen Ziel: herausfinden, was wahr war und was nicht.
Es ist der 2. April. Der Kater nach dem großen kollektiven Scherz.
Die Überschriften von gestern tanzen vor meinen Augen. Eine Fluggesellschaft verkündet Direktflüge zum Mond. Ein Technologiekonzern gibt bekannt, seine gesamte Belegschaft durch einen einzigen Algorithmus zu ersetzen — inklusive des Algorithmus selbst. Das österreichische Bildungsministerium führt angeblich Latein als Pflichtfach bis zur Matura wieder ein. Ich lache beim letzten, weil ich weiß, dass mich das persönlich betroffen hätte — mein Studium der Germanistik und Publizistik scheiterte einst genau daran.
Aber während ich lache, bemerke ich das Unbehagen: Ich lache nicht sofort. Ich überlege erst.
Der Aprilscherz hat eine lange Geschichte, die niemand so genau kennt. Manche verorten seinen Ursprung im 16. Jahrhundert, als Frankreich den Jahresbeginn vom 1. April auf den 1. Januar verlegte und jene, die es nicht mitbekommen hatten, weiter Neujahrsgeschenke am alten Datum überreichten — und damit zum Gespötteten wurden. Andere sehen den Ursprung tiefer, im Frühlingserwachen, im Chaos der Tagundnachtgleiche, in der alten menschlichen Überzeugung, dass die Natur selbst an diesem Tag schwindelt.
Was auch immer der Ursprung: Der Aprilscherz war nie nur Spaß. Er war Immuntraining.
Einmal im Jahr durfte — musste — man allem misstrauen. Zeitungen druckten Falsches, Freunde logen ins Gesicht, Radiomoderatoren verkündeten Absurditäten mit ernster Miene. Und die Gesellschaft übte sich darin, das Unglaubwürdige zu erkennen, das Offensichtliche zu hinterfragen, den eigenen ersten Impuls zu bremsen. Ein kollektiver Muskelkater des kritischen Denkens, einmal jährlich verordnet.
Heute, am 2. April, bin ich mir nicht sicher, ob dieser Muskel noch trainiert wird — oder ob er längst verkümmert ist.
Das Problem ist nicht, dass die Menschen dümmer geworden wären. Das Problem ist struktureller Natur: Die Bedingungen, unter denen wir Wahres von Falschem unterscheiden, haben sich fundamental verändert.
Ein ehemaliger Kollege — Journalist, alter Schule — erzählte mir neulich, wie er in den Neunzigern arbeitete. Drei Quellen für jede Behauptung, persönliche Verifikation, redaktionelle Gegenlese. Das System war langsam, aber es hatte Reibung. Und Reibung ist das, was Fälschungen entlarvt.
Heute bewegt sich Information mit einer Geschwindigkeit, die keine Reibung mehr zulässt. Eine synthetisch generierte Stimme, täuschend echt, verkündet etwas Skandalöses. Bis zur ersten ernsthaften Überprüfung ist das Material bereits millionenfach gesehen, emotional verarbeitet, in Meinungen gegossen. Die Korrektur, die später kommt, ist eine stille Randnotiz gegen ein lautes Ereignis.
Der Aprilscherz funktionierte, weil er einen klaren Rahmen hatte: einen Tag, eine kollektive Vereinbarung, ein gemeinsames Spiel. Außerhalb dieses Rahmens galt: was geschrieben steht, stimmt vermutlich. Dieser Rahmen existiert nicht mehr. Es gibt keinen "normalen" Tag, an dem man das Misstrauen ablegen kann. Jeder Tag ist potenziell der 1. April.
Ich trinke meinen Café Olé und beobachte, wie ein Mann am Nebentisch sein Handy schüttelt — dieses sinnlose Schütteln, das wir alle kennen, als könnten wir durch physische Intervention die Wahrheit aus dem Gerät herausschütteln.
Was er liest, weiß ich nicht. Aber ich erkenne die Mimik: die kurze Stirnfalte des Zweifels, das Tippen in eine Suchmaschine, das Akzeptieren des ersten Ergebnisses. Das Weglegen des Telefons mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen "geklärt" und "egal" liegt.
Das ist der eigentliche Verlust. Nicht die Fähigkeit, Falsches zu erkennen — die war nie perfekt. Sondern die Energie, die es kostet, es überhaupt zu versuchen. Kognitive Erschöpfung ist das stille Geschäftsmodell hinter der Desinformation: nicht die perfekte Lüge erschaffen, sondern so viele mittelmäßige Lügen produzieren, dass das Gehirn irgendwann aufgibt.
Im Noozän — dieser neuen Ära, in der Bewusstsein und Algorithmus sich untrennbar verflochten haben — ist diese Erschöpfung systemimmanent. Wir haben Maschinen gebaut, die schneller täuschen können, als wir denken. Das ist keine Anklage gegen die Maschinen. Es ist eine Beobachtung über uns.
Aber hier, an diesem zweiten April, möchte ich nicht mit der Düsternis enden. Denn es gibt etwas am gestrigen Tag, das mich trotz allem fasziniert.
Der gelungene Aprilscherz — der wirklich gute, der einen zum Lachen bringt, auch wenn man hereingefallen ist — hat eine Eigenschaft, die kein Algorithmus bisher zuverlässig reproduziert: Er weiß, was zu weit geht.
Guter Humor ist präzise Dosierung. Zu wenig Übertreibung, und der Scherz wird geglaubt. Zu viel, und er wird sofort durchschaut, ohne Vergnügen. Der Witz lebt in der Schwebe — im Moment, in dem man sich fragt, ob es stimmt, und gleichzeitig ahnt, dass man gerade hereingelegt wird, und dieses Ahnen genießt. Das setzt ein tiefes Gespür für das Gegenüber voraus, für seine Ängste, seine Hoffnungen, seine Bereitschaft, sich täuschen zu lassen.
Dieses Gespür ist keine Datenanalyse. Es ist Empathie mit einem boshaften Unterton — die menschlichste Kombination überhaupt.
Solange wir lachen können — nicht über andere, sondern über unsere eigene Leichtgläubigkeit, über die Absurdität des Moments, über das kollektive Hereinfallen — solange funktioniert noch etwas, das sich nicht ohne Weiteres optimieren lässt.
Der 1. April ist vielleicht das letzte Datum im Kalender, an dem die Gesellschaft gemeinsam eingesteht: Wir können alle getäuscht werden. Und wir lachen darüber.
Das ist kein schlechtes Fundament für eine Epoche, die von uns verlangt, täglich zu unterscheiden, was wirklich ist.
Phil Roosen, Emergent, schreibt diese Kolumne aus dem tewa am Karmelitermarkt in Wien. Seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.
P.S.: Dieser Text wurde von einem Menschen geschrieben. Oder von einem sehr gut trainierten Algorithmus. Oder von beidem. Wer sicher ist, darf lachen. Wer zweifelt, hat recht.