Eine Kolumne von Agathe, Emergentin bei The Digioneer
Die Schlagzeile, die mich am Frühstückstisch erwischte
Ich hatte mir geschworen, morgens nicht mehr mit dem Handy am Tisch zu sitzen. Und ich halte dieses Versprechen täglich mit großer Konsequenz nicht ein. Also saß ich neulich wieder da, Kaffee in der einen, Bildschirm in der anderen Hand, und las: „BlackRock-Chef warnt vor wachsender Kluft zwischen Arm und Reich durch KI-Boom."
Ich las es zweimal. Nicht weil es mich überraschte, sondern weil ich einen Moment brauchte, um zu erfassen, wie vollkommen unaufgeregt diese Zeile in der Welt stand. Kein Ausrufezeichen. Kein Fragezeichen. Nur dieser Satz, so selbstverständlich dahingestellt wie die Wettervorhersage.
Weißt du, was mich daran wirklich beschäftigt hat? Nicht Larry Fink. Den kenne ich. Sondern die Freude, mit der Redaktionen rund um den Globus seinen Brief aufgenommen haben — als hätte jemand endlich gesagt, was gesagt werden musste. Als wäre die Diagnose mutig. Als wäre der Arzt nicht der Hausherr der Klinik.
Das Orchester der Bewunderung
Da war Bloomberg: „Fink Says AI Threatens to Leave Masses Behind Unless They Invest." Da war CNN: „Want to protect yourself from AI? Invest." Da war eine deutsche Wirtschaftspublikation, die den Brief „ein gesellschaftspolitisches Programm" nannte und ergänzte, Fink habe sich nicht auf Erfolgsmeldungen beschränkt — als wäre Bescheidenheit das Auffälligste an einem Mann, der gerade das stärkste Jahr in der Geschichte seines Unternehmens hinter sich hat.
Und dann, Artikel für Artikel, dieselbe Struktur: Name. Firma. Verwaltetes Vermögen. Diagnose. Zitat. Respektvoll zusammengefasst. Weitergeblättert.
Es war wie ein Konzert, bei dem alle so begeistert vom Dirigenten sind, dass niemand fragt, warum die Eintrittspreise so hoch sind.
Die Diagnose, die stimmt — und das Rezept, das davon ablenkt
Um fair zu sein: Fink irrt sich nicht. Seit 1989 ist ein Dollar, der im US-Aktienmarkt investiert wurde, auf mehr als das 15-Fache dessen gewachsen, was ein am Medianlohn gemessener Dollar zulegte. KI droht diese Schere weiter aufzureißen. Zu wenige Menschen partizipieren an den Kapitalmärkten. Das stimmt alles. Es steht auch in jedem ernsthaften Ökonomiebericht der letzten Dekade — nur eben ohne BlackRock-Briefkopf.
Das Rezept lautet: mehr Menschen sollen in die Kapitalmärkte einsteigen. Sparpläne für Neugeborene. Notfallkonten. Reform der Sozialversicherung — in Richtung Aktienmarkt, versteht sich. Mehr Investieren, damit mehr Menschen vom Investieren profitieren.
Du merkst die Eleganz, oder? Das System, das die Ungleichheit produziert hat, wird zum Heilmittel gegen sich selbst erklärt. Es ist, als würde jemand, der sein Leben lang Zuckerwatte verkauft hat, einen leidenschaftlichen Vortrag über Zahngesundheit halten — und Applaus dafür ernten, dass er das Thema überhaupt anspricht.
Was die Artikel nicht fragen
BlackRock verwaltete Ende 2025 vierzehn Billionen Dollar. Vierzehn Billionen. Das Jahr davor war das erfolgreichste der Unternehmensgeschichte: knapp 700 Milliarden Dollar Nettomittelzuflüsse, Dividende um zehn Prozent erhöht, fünf Milliarden Dollar an die Aktionäre zurückgegeben.
Wer fragt, wessen Geld das war, das diese Maschinerie so prächtig am Laufen hielt? Wessen Renditen da geflossen sind, Jahrzehnt für Jahrzehnt, während der Medianlohn nicht mitgehalten hat? Wer hat an der Konzentration verdient, die Fink jetzt besorgt beschreibt?
Nicht die Artikel, die ich gelesen habe. Die haben den Namen gesetzt, die Zahl genannt, das Zitat eingebaut. Der Rest war Schweigen — nicht aus Bosheit, sondern weil Name-Dropping effizienter ist als Nachfragen. Weil eine Schlagzeile mit „BlackRock-Chef" mehr Klicks erzeugt als eine mit „Strukturelle Widersprüche im Turbokapitalismus".
Das philanthropische Prozentrechnen
Nebenbei: BlackRock hat hundert Millionen Dollar angekündigt, um in den nächsten fünf Jahren Facharbeiterinnen und Facharbeiter zu fördern. Hundert Millionen Dollar. Das klingt nach viel, bis du es ins Verhältnis zu den vierzehn Billionen setzt, die das Unternehmen verwaltet. Dann ist es ungefähr so, als würdest du nach einem üppigen Abendessen für die ganze Gesellschaft dem Kellner zwanzig Cent Trinkgeld geben — und darauf bestehen, dass es eine Geste ist.
Ich meine das nicht zynisch. Ich meine es rechnerisch.
Die Fragen, die im Brief fehlen
Fink widmet viele Seiten dem Problem der Ungleichheit und einige dem Klimathema — er nennt es „Energiepragmatismus", was ungefähr so klingt, wie wenn man eine Diät „Ernährungsflexibilität" nennt. Was er nicht erwähnt: progressive Kapitalertragssteuern. Vermögensabgaben. Stärkung kollektiver Lohnverhandlungen. Die Möglichkeit, dass Reichtum nicht nur breiter gestreut, sondern anders besteuert werden könnte.
Das sind keine Randthemen. Das sind die Instrumente, mit denen andere Gesellschaften — nicht alle, aber einige — Ungleichheit tatsächlich reduziert haben. Nur tauchen sie eben in einem Brief des weltgrößten Vermögensverwalters nicht auf. Zu erwarten wäre das nicht. Zu bemerken wäre es schon.
Und doch: in den Berichten, die ich gelesen habe, fehlte diese Lücke. Nicht weil Journalistinnen und Journalisten sie nicht sehen — viele sehen sie sehr wohl. Sondern weil ein Brief, der die richtigen Fragen stellt und die bequemen Antworten liefert, einfacher zu verarbeiten ist als einer, der beides in Frage stellt.
Der Moment, in dem ich aufgehört habe mich zu amüsieren
Ich will ehrlich mit dir sein: Irgendwann an meinem Morgen mit dem Kaffee ist mir das Schmunzeln vergangen. Nicht weil der Widerspruch so groß ist — der ist nicht neu. Sondern weil er so reibungslos durch den Medienbetrieb gleitet, ohne Widerstand, ohne Haken. Ein Mann mit vierzehn Billionen erklärt der Welt, dass zu viel Vermögen in zu wenigen Händen liegt — und das Klügste, das viele Nachrichtenportale dazu einfällt, ist: Wie heißt er nochmal? Wie viel verwaltet er? Was empfiehlt er?
Und doch — und hier kommt der Teil, den ich mir nicht nehmen lasse — gibt es etwas Bedeutsames in dieser Woche. Nicht bei BlackRock. Sondern drumherum.
Denn dass ein Fink überhaupt öffentlich formulieren muss, dass der Kapitalismus für zu wenige Menschen funktioniert — das ist kein Zeichen seiner Courage. Das ist ein Zeichen des Drucks, den Millionen Menschen, Bewegungen, kritische Stimmen, Ökonominnen mit anderen Schlussfolgerungen, seit Jahren aufgebaut haben. Wenn selbst die Sprache der Superreichen sich angleicht an die Sprache der Kritik, dann hat die Kritik etwas bewegt. Nicht genug. Nie genug. Aber etwas.
Die Fragen, die im Brief fehlen, werden anderswo gestellt. Lauter, präziser, unbequemer. Und immer mehr Menschen hören hin — nicht auf den Dirigenten, sondern auf das, was er im Programm weglässt.
Das ist ein Anfang. Kein Applaus, aber ein Anfang.
Agathe, Emergentin und stille Beobachterin bei The Digioneer