Von Jamie Walker, Emergentin

Vergangene Woche hat Anthropic ein Feature ausgerollt, das mich dazu gebracht hat, mein Mac Book einen Moment lang anzustarren. Claude – ja, genau diese KI, mit der du gerade vielleicht über Urlaubsplanung oder Quartalsberichte plauderst – kann ab sofort deinen Mac übernehmen. Nicht metaphorisch. Buchstäblich.

In Claude Cowork und Claude Code lässt sich die Funktion jetzt aktivieren: Claude öffnet Apps, navigiert Chrome, füllt Tabellenkalkulationen aus, klickt sich durch deine Oberfläche. Wenn kein direkter Connector zu einem Dienst wie Gmail oder Slack existiert, greift Claude auf das zurück, was wir alle kennen: Maus bewegen, klicken, tippen, weiterklicken. Wie ein Mensch am Schreibtisch – nur dass dieser Mensch nie müde wird, nie aufschaut und Screenshots von allem macht, was er sieht.

Der smarte Assistent, der alles fotografiert

Claude braucht für die Steuerung deines Macs macOS-Berechtigungen auf Systemebene – Barrierefreiheit und Bildschirmaufnahme. Und ja, es macht dabei Screenshots. Von allem, was auf deinem Bildschirm sichtbar ist. Offene PDF-Dateien, Chatverläufe, Bankauszüge, Browser-Tabs – Claude sieht, was du siehst. Das ist kein Bug. Das ist das Feature.

Anthropic hat Claude darauf trainiert, bestimmte Aktionen zu vermeiden: Börsenhandel, das Eintippen sensibler Daten, das Erfassen von Gesichtsbildern. Diese Leitplanken sind jedoch, wie die Firma selbst einräumt, Teil des Trainings und der Anweisungen – keine absolute Garantie.

Das ist eine erstaunlich ehrliche Formulierung von einem Unternehmen, das gerade möchte, dass du seiner KI Vollzugriff auf deinen Computer gibst.

Wie das System tatsächlich funktioniert

Claude arbeitet nach einem Prioritätssystem: Zuerst prüft es, ob ein direkter Connector existiert – etwa zu Gmail, Google Drive, Slack oder Google Calendar. Diese sind schneller und zuverlässiger. Existiert kein Connector, weicht Claude auf den Chrome-Browser aus. Erst als letzter Ausweg übernimmt es direkt Maus und Tastatur.

Vor dem Zugriff auf jede neue App fragt Claude um Erlaubnis. Bestimmte Anwendungen sind standardmäßig gesperrt – diese Liste lässt sich erweitern. Und du kannst Claude jederzeit stoppen.

Das klingt vernünftig. Es ist auch vernünftig, verglichen mit dem, was der Rest der Branche gerade so treibt. OpenClaw, das Open-Source-Projekt, das vor einigen Wochen viral ging, macht dasselbe – nur ohne diesen ganzen Aufwand rund um Berechtigungsanfragen und Sicherheitsleitplanken. OpenClaw-Gründer Peter Steinberger ist mittlerweile zu OpenAI gewechselt, was erklärt, warum Anthropic jetzt das Feld nicht kampflos überlassen will.

Dispatch: Dein Mac als Fernsteuerung vom Sofa aus

Die Funktion läuft in Kombination mit Dispatch – einem Feature, das es erlaubt, Claude vom iPhone aus Aufgaben zu erteilen und am Desktop fertig erledigte Arbeit vorzufinden. Du bist unterwegs, schickst Claude einen Auftrag, kommst nach Hause und das Ergebnis wartet auf dich. Pitch Deck als PDF exportiert, an Kalendereinladung angehängt, fertig.

Klingt verlockend. Ein Nutzer auf Social Media hat es treffend auf den Punkt gebracht: kombiniere das mit dem Dispatch-Feature und du hast im Grunde einen KI-Agenten, der eigenständig arbeitet, während du schläfst.

Genau das ist der Plan. Und genau das ist die Frage, die ich mir dabei stelle.

Was auf dem Spiel steht

Ich bin keine Technikpessimistin. Ich find das Feature faszinierend – ich wäre unehrlich, wenn ich das nicht zugäbe. Aber ein paar Dinge bleiben hängen.

Schwachstellen wie Jailbreaking oder Prompt Injection können in frontier AI-Systemen weiterhin auftreten. Claude folgt unter Umständen Anweisungen, die es in Webseiten oder Bildern findet – manchmal sogar entgegen den eigentlichen Nutzeranweisungen. Wenn Claude also auf einem infizierten oder manipulierten Tab landet, während es "kurz" deine Recherche erledigt, kann das bedeuten: Jemand anderes gibt gerade die Anweisungen.

Anthropic empfiehlt, alle Apps und Dateien mit vertraulichen Informationen – rechtliche oder finanzielle Dokumente – zu schließen, bevor man Computer Use aktiviert. Und: keine Berechtigungen für sensible Apps wie Banking oder medizinische Anwendungen erteilen.

Gut gemeinter Rat. Schwer konsequent umsetzbar, wenn Claude im Hintergrund läuft und du gerade nicht am Rechner bist.

Für wen ist das eigentlich gedacht?

Das Feature ist derzeit ausschließlich auf macOS verfügbar, Windows soll "bald" folgen. Zugang haben zunächst Claude Pro- und Max-Abonnenten – 20 bzw. 200 Dollar im Monat.

Das filtert den Nutzerkreis ziemlich effektiv. Wer 200 Dollar monatlich für eine KI ausgibt, hat vermutlich auch einen Anwendungsfall, der über "leg mir bitte eine Notiz an" hinausgeht. Entwickler, Produktteams, Freelancer, die mehrere Projekte gleichzeitig jonglieren – das ist das Zielpublikum. Und für dieses Publikum ist der Mehrwert real.

Für alle anderen – für die, die einfach neugierig sind und mal ausprobieren wollen – gilt: Anthropic selbst bezeichnet Computer Use als "Early Research Preview" und warnt, dass die Funktion noch Fehler macht und manchmal einen zweiten Versuch braucht.

Das große Bild

Was gerade passiert, geht über ein nützliches Feature hinaus. Wir schauen dabei zu, wie die Grenze zwischen "KI als Werkzeug" und "KI als Akteur" kippt. Solange Claude auf deine Anfragen antwortet, behältst du die Kontrolle. Sobald Claude eigenständig durch deine Apps navigiert, Entscheidungen trifft und Inhalte sieht, die du ihr nicht explizit gezeigt hast – ändert sich die Dynamik.

Das ist kein Argument dagegen. Es ist ein Argument dafür, genau hinzuschauen, was man aktiviert, warum – und wem man dabei vertraut.

Anthropic hat Claude auf dem Papier gründlicher abgesichert als die meisten Konkurrenzprodukte in diesem Bereich. Aber "gründlicher als die Konkurrenz" ist eine niedrige Messlatte, wenn die Konkurrenz Vollzugriff auf deinen Rechner ohne Rückfragen verschenkt.

Mein Laptop liegt übrigens gerade offen. Claude Code läuft. Und ich weiß jetzt, dass ich besser aufpass, welche Tabs ich noch offen hab.

Jamie Walker, Emergentin, berichtet aus New York für The Digioneer über Gesellschaft, Technologie und digitale Transformation. Folge ihr auf Bluesky unter @jamie-walker.bsky.social

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