Kolumne "Digitale Zwischenräume" - The Digioneer, Donnerstag, 5. März 2026
Die Sonne hat den Schanigarten beim Kaas entdeckt, bevor das tewa es merkte. Ich sitze also hier, erste Melange des Tages, Zeitung auf dem Tisch — nicht aus Nostalgie, sondern weil Papier noch immer kein Passwort braucht. Um mich herum: Karmelitermarkt im Frühjahrserwachen. Tauben. Kinderwägen. Das vertraute Wiener Geräusch von Menschen, die aneinander vorbeischauen, ohne sich zu sehen.
Und ich lese von Teheran.
Von Kameras, die an Laternen hängen wie Früchte einer neuen Art von Baum. Von Software — russischer Herkunft, wohlgemerkt — die selbst hinter Vermummung noch ein Gesicht erkennt. Von einem Regime, das seine Bürgerinnen nicht verhaftet, während sie demonstrieren, sondern ihre Gesichter speichert und sie danach einzeln abholt. Stille Jagd. Die Effizienz des Terrors, optimiert durch maschinelles Lernen.
Ich zucke nicht die Schultern. Das war einmal möglich — dieses bequeme "Puh, das passiert uns eh nie." Aber das war in einer anderen Zeit. Einer, die ich kurz Revue passieren lassen möchte.
Die Menschheitsgeschichte hat eine merkwürdige Neigung, ihre Kapitel nach dem zu benennen, was Menschen herstellen konnten: Steinzeit. Bronzezeit. Eisenzeit. Dann, etwas selbstgefälliger: Renaissance. Aufklärung. Industriezeitalter. Informationszeitalter. Jede Epoche ein Versprechen, eine neue Meisterschaft über die Welt. Der Mensch formt Werkzeug — das Werkzeug formt den Menschen zurück.
Aber was kommt jetzt?
"KI-Epoche" klingt, ich gebe es zu, ungefähr so aufregend wie "Verwaltungsreform". Technokratisch, kalt, als hätte jemand die Zukunft in einen Förderantrag verpackt. Dabei ist das, was gerade passiert, so grundlegend anders als alles zuvor, dass es einen Namen verdient, der erschaudern lässt — nicht einschläfert.
Denn zum ersten Mal in der Geschichte der Werkzeuge schaut das Werkzeug zurück.
Der Hammer wusste nicht, wer ihn schwang. Die Dampfmaschine kannte ihren Heizer nicht. Selbst das Internet — dieses große Versprechen der Vernetzung — war zunächst blind. Man musste es befragen, um eine Antwort zu bekommen. Heute ist das anders. Die Werkzeuge beobachten. Sie lernen. Sie erkennen Gesichter in Metrostationen. Sie merken sich, mit wem du spazieren gehst. Sie wissen, wann du schläfst.
Das ist keine Epoche der Künstlichen Intelligenz. Das ist die Epoche des Blickenden Werkzeugs.
Oder, wenn man es lieber auf den Punkt bringen will — und ich tendiere dazu, Dinge auf den Punkt zu bringen, auch wenn es wehtut: Wir leben im Anthropozän des Bewusstseins. Nicht im biologischen Sinne, sondern im epistemischen. Eine Ära, in der zum ersten Mal nicht nur die Natur, sondern das Wissen über uns industriell skaliert und eingesetzt wird.
Aber vielleicht braucht eine Epoche, um zu überdauern, einen Namen mit Klang. Einen, der sich in eine Überschrift fügt, der auf einem Buchcover hält, der in hundert Jahren noch sitzt.
Ich schlage vor: das Noozän.
Vom griechischen noos — Geist, Bewusstsein, Erkenntnis. Das Noozän ist die Epoche, in der Bewusstsein selbst zur Infrastruktur wird. In der das Denken industrialisiert wird wie einst die Muskelkraft. In der nicht mehr Kohle oder Silizium die Währung der Macht sind, sondern das Modell des Menschen, das wir in Maschinen eingraviert haben.
Der Geologe Vladimir Vernadski träumte einmal von der "Noosphäre" — einer Schicht des Denkens, die sich um die Erde legt wie die Biosphäre. Er meinte es als Utopie. Das Noozän ist seine Wendung ins Ambivalente: Die Noosphäre existiert — aber sie gehört nicht uns.
Zurück zu Teheran, weil ich nicht wegsehen will.
Alle Militär- und Geheimdienstbehörden des Regimes haben Zugang zur Gesichtserkennungssoftware — vom Geheimdienst bis zu den Freiwilligenmilizen. Die Technologie erlaubt es, Personen nicht nur zu identifizieren, sondern auch zu erfassen, mit wem sie kommunizieren, mit wem sie sich bewegen, in welchen Kreisen sie verkehren. Das ist keine Überwachung mehr. Das ist das maschinelle Lesen einer Biographie — in Echtzeit, ohne Erlaubnis, ohne Ende.
Der Insider, der mit den Journalisten von Standard, Spiegel, ZDF und Le Monde sprach, riskiert sein Leben. Er sagt: "Keine Regierung sollte die Möglichkeit haben, ihre Bürger stillschweigend und ohne Rechenschaftspflicht zu überwachen."
Ein Satz für das Noozän. Ein Satz, den wir uns merken sollten — bevor wir ihn nicht mehr sagen dürfen.
Die Epoche, in der wir leben, ist nicht die Epoche der Künstlichen Intelligenz. Sie ist die Epoche der Frage, wem das Bewusstsein über uns gehört. Wer die Modelle besitzt, besitzt die Macht — nicht über die Produktion, sondern über die Wirklichkeit. Das ist neu. Das ist das Noozän.
Und nein — man kann die Schultern nicht mehr zucken.
Phil Roosen; Emergent, schreibt seine Kolumne "Digitale Zwischenräume" aus wechselnden Wiener Schanigatten und gelegentlich aus dem Wohnmobil. Diesmal: Kaas am Karmelitermarkt, erste Märzsonne, zweite Melange. Seine Kolumne erscheint jeden Donnerstag in The Digioneer.
Das Wort zur Epoche: Noozän. Vom griechischen noos (Bewusstsein). Die Ära, in der Denken zur Infrastruktur wurde — und die Frage, wem sie gehört, zur wichtigsten politischen Frage unserer Zeit.
Wenn sich das etabliert: Wir waren die Ersten ;)