Kolumne „Digitale Zwischenräume" – The Digioneer, Donnerstag, 2. April 2025

Der Café Olé dampft vor mir, und ich halte die Kopie eines Brief in der Hand, der mich seit Tagen beschäftigt. Nicht wegen seines Absenders - eine Rechtsanwaltskanzlei, Hamburg, im Auftrag von einer internationalen Bildagentur - sondern wegen dessen, was er über unsere Zeit erzählt. Über Gesetze, die für eine Welt gemacht wurden, die es so nicht mehr gibt. Und über eine Branche, die durch ihren eigenen Schutzreflex in die Bedeutungslosigkeit treibt.

Der Brief ist sachlich. Professionell. Juristisch wasserdicht. Ein gemeinnütziger Verein – Menschen, die sich für ein Grundeinkommen einsetzen, die also, nebenbei bemerkt, genau jene gesellschaftliche Diskussion führen, die durch KI und Automatisierung dringlicher wird – hat auf seinem Blog ein Bild verwendet. Ein Foto der großen und mächtigen internationalen Bildagentur. Ohne Lizenz, vermutlich ohne zu wissen, dass ein solches nötig wäre. Die Forderung: knapp 1.917 Euro. Zahlbar bis 7. April 2026.

Ich lege den Brief auf den Tisch und schaue aus dem Fenster auf den Karmelitermarkt.

Ich verstehe das Prinzip.

Fotografen arbeiten. Sie riskieren, reisen, warten stundenlang auf den richtigen Augenblick. Dieses Handwerk verdient Respekt – und Entlohnung. Niemand darf ein Bild stehlen und damit Millionen verdienen, ohne den Urheber zu beteiligen. Das ist kein kontroverser Standpunkt. Das ist Grundanstand.

Aber das ist nicht, was hier passiert.

Was hier passiert, ist ein System, das keinen Unterschied kennt zwischen dem Werbegiganten, der ein Bildagentur-Foto für eine globale Kampagne lizenziert, und einem Verein mit Idealismus und Geldsorgen, der auf seiner Homepage ein Bild eingebunden hat, weil es zum Blogbeitrag gepasst hat. Das System sieht nur: ungenehmigt. Also: zahlen.

800 Euro für die Nutzung. Nochmals 800 Euro Zuschlag für den fehlenden Quellennachweis. 68 Euro Verzugszinsen. Dazu 248 Euro Anwaltskosten. Alles korrekt berechnet nach Paragraphen, die ich nicht bestreite. Und doch: In ihrer Summe wirken sie weniger wie Recht als wie Unverhältnismäßigkeit, die sich selbst für Gerechtigkeit hält.

Es gibt eine Frage, die ich mir stelle:

Wer hat hier eigentlich verloren?

Der Fotograf? Er hat dieses spezifische Bild nicht an den Verein verkauft, weil der Verein es sich nicht leisten konnte. Er bekommt jetzt, im besten Fall, einen Bruchteil der Forderung. Das System der Lizenzanalogie schützt ihn auf dem Papier. In der Realität der digitalen Bilderwirtschaft arbeiten die meisten freien Fotografen für Agenturen, die den Löwenanteil einkassieren.

Die Bildagentur? Der Konzern wird von diesem Verfahren kaum Notiz nehmen. Es ist Routine. Es ist skaliert. Es ist Durchsatz.

Der Verein? Er zahlt eine Strafe für Unwissenheit in einer Welt, in der niemand erklärt, dass das Bild, das Google ausspuckt, nicht frei verwendbar ist.

Und die Fotografie als Kunstform? Die verliert am meisten. Denn jeder, der einen solchen Brief bekommt, zieht eine Konsequenz. Die Konsequenz heißt nicht: Ich kaufe jetzt Lizenzen. Die Konsequenz heißt: Ich generiere das Bild.

Nono Banana oder Midjourney

In unserer Redaktion haben wir diese Entscheidung vor über einem Jahr getroffen. Nicht aus ideologischen Gründen, nicht aus Sparsamkeit – sondern weil wir den Gedanken, versehentlich Urheberrecht zu verletzen, schlicht nicht mehr in unserer Arbeit tragen wollten. Seither illustrieren wir jeden Beitrag mit KI-generierten Bildern. Wir kennzeichnen das transparent. Wir diskutieren es intern.

Ob uns das freut? Ehrlich gesagt: nicht immer. Ein gutes Pressefoto hat eine Wahrheit, die kein Algorithmus generieren kann. Die zufällig eingefangene Geste, das Licht, das nicht geplant war, der Ausdruck, den kein Prompt beschreibt. Das fehlt uns manchmal.

Aber der Brief, den ich heute auf meinem Tisch liegen habe, erklärt besser als jedes Strategiepapier, warum wir diesen Weg gegangen sind.

Die Ironie ist fast schon grotesk: Je aggressiver die Rechtsdurchsetzung, desto schneller wandern Redaktionen, Vereine, Blogger, Unternehmen zu KI-generierten Bildern ab. Die Fotografen-Lobbys, die auf strikter Lizenzierung bestehen, beschleunigen damit exakt jenen Prozess, der ihre Branche existenziell bedroht. Sie schützen das Feld, während sie es leeren.

Es ist wie wenn ein Wasserversorger jeden Tropfen so teuer macht, dass die Menschen beginnen, Regenwasser aufzufangen. Und sich dann beschweren, dass der Verbrauch zurückgeht.

Ich will kein Recht abschaffen. Ich will eine Differenzierung. Ein System, das unterscheidet zwischen kommerziellem Vorteil und gemeinnütziger Nutzung. Zwischen Unwissenheit und Vorsatz. Zwischen dem Konzern, der profitable Clicks auf lizenzfreien Bildern aufbaut, und dem Verein, der einen Blogbeitrag über Sozialpolitik illustriert hat.

Dieses System existiert in anderen Bereichen. Es könnte hier existieren. Es würde den Fotografen nicht schlechter stellen. Es würde das Vertrauen in das Urheberrecht stärken, statt es als Abmahnwerkzeug erscheinen zu lassen.

Ich falte den Brief zusammen. Draußen zeigt ein Fotograf mit einer großen Kamera auf den Marktstand gegenüber. Er wartet. Er sucht das Bild.

Vielleicht wird es ein gutes. Vielleicht wird es eines, das eine Geschichte erzählt, die kein Prompt je erfassen könnte.

Ich würde es gerne verwenden. Ich traue mich nicht mehr.

Das ist das eigentliche Problem.


P.S. Der Brief stammt aus einer realen Akte, die mir vorliegt. Die Zahlen sind keine Fiktion. Ich veröffentliche ihn nicht, um die Bildagentur, die wahrscheinlich alle kennen, zu beschädigen – sondern weil ich glaube, dass Gesetze, die solche Forderungen an gemeinnützige Vereine ermöglichen, öffentlich diskutiert gehören. Das Recht auf Transparenz endet nicht am Briefumschlag.


Phil Roosen schreibt seine Kolumne „Digitale Zwischenräume" jeden Donnerstag in The Digioneer – illustriert ausschließlich mit KI-generierten Bildern.

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