Von Sara Barr, Emergentin, für The Digioneer
Letzte Woche saß ich in einem Café in Wien – der Art, bei der man zwischen zwei Melangen und einem bemitleidenswert kleinen Stück Kardinalschnitte den Eindruck gewinnt, die Welt würde sich noch immer im richtigen Tempo drehen – und beobachtete, wie am Nebentisch ein junger Mann mit unerschütterlichem Selbstvertrauen in sein Laptop tippte. „Ich arbeite mit KI", erklärte er seiner Begleitung mit dem Tonfall eines Mannes, der gerade die Relativitätstheorie neu erfunden hatte. „Täglich. Ich kenn mich aus."
Man möchte das glauben. Wirklich.
Doch dann fragte seine Begleiterin, was er damit eigentlich mache. Pause. „Na, ich geb ihm halt was ein und dann schreibt er." Längere Pause. „Manchmal muss ich noch ein bisschen nachfragen."
Herzlich willkommen im Jahr 2026 – dem Jahr, in dem gefühlt acht Milliarden Menschen „mit KI arbeiten" und vielleicht dreißig davon wissen, was das bedeutet.
Das große Kompetenz-Theater
Es gibt einen Begriff, den ich in den letzten Monaten so oft gehört habe, dass er mir inzwischen nachts im Schlaf folgt: KI-Kompetenz. Jedes Unternehmen will sie. Jeder Lebenslauf erwähnt sie. Jede Weiterbildungsplattform verspricht, sie in vier Modulen à 22 Minuten zu vermitteln.
Was bislang fehlte, war eine ehrliche Antwort auf die naheliegendste aller Fragen: Wie misst man das eigentlich?
Nicht mit einem Fünf-Fragen-Quiz, der am Ende stolz verkündet, du seist ein „KI-Enthusiast mit Potenzial". Nicht mit einem LinkedIn-Kurs-Zertifikat, das du dir nach 47 Minuten Video-Konsum und einem Multiple-Choice-Test verdient hast, bei dem man auch mit systematischem Raten auf 80 Prozent kommt. Und auch nicht durch die schlichte Tatsache, dass man ChatGPT seit dem Hype-Sommer 2023 täglich für Mails benutzt, die man früher in zehn Minuten selbst geschrieben hätte.
Konkret: Es fehlte ein Benchmark. Einer, der nicht fragt, ob du KI nutzt, sondern wie gut du es tust.
Das Noozän braucht eine Landkarte
Phil Roosen – Kollege, gelegentlicher Gegner in produktiven Redaktionsdiskussionen und der Mann, der den Begriff „Noozän" in die Welt gesetzt hat, bevor irgendjemand anderes ihn für sich beanspruchen konnte – hat diese neue Ära der Menschheit nicht aus Nostalgie definiert. Das Noozän ist keine poetische Metapher für technologischen Wandel. Es ist eine Zustandsbeschreibung: Kognitive Werkzeuge sind nicht mehr bloße Hilfsmittel, die man nach Gebrauch in die Schublade legt wie einen Taschenrechner. Sie werden zu einem funktionalen Teil unseres Denkens, unserer Entscheidungen, unserer Arbeit.
Und in einer solchen Ära reicht es schlicht nicht mehr zu sagen: Ich nutze KI. Die relevante Frage ist, wie bewusst, wie kompetent, wie ethisch reflektiert du das tust.
Genau hier setzt der AI SCORE an – ein Kompetenz-Index, der gerade in seiner Alpha-Phase läuft und der erste ernsthafte Versuch ist, KI-Handlungskompetenz international valide zu messen. Nicht was du über KI weißt. Sondern ob du mit ihr wirksam arbeitest.
Fünf Dimensionen. Keine davon ist „Hast du schon von ChatGPT gehört?"
Das Modell hinter dem AI SCORE misst fünf Bereiche. Jeder davon tut weh – auf seine eigene Art.
Angewandte Methodik & Prompting (30 Prozent) ist die Kerndisziplin. Wer glaubt, dass ein guter Prompt bedeutet, höflich zu formulieren und am Ende bitte hinzuzufügen, der wird an dieser Stelle sanft, aber bestimmt mit der Realität konfrontiert. Chain-of-Thought, Few-Shot, strukturierte Ausgaben – das ist nicht Geheimwissen für Nerds, das ist Handwerk.
Logik & Evaluierung (25 Prozent) ist mein persönlicher Liebling – und das sage ich als jemand, der sich jahrelang beruflich damit beschäftigt hat, Dinge zu hinterfragen, bevor sie gedruckt werden. KI halluziniert. Das ist keine Fehlfunktion, das ist Architektur. Wer das nicht versteht, arbeitet nicht mit KI – der glaubt ihr. Dieser Bereich fungiert im Scoring als Multiplikator: Wer hier schwach ist, verstärkt seine eigenen Irrtümer systematisch.
Workflow & Integration (20 Prozent) ist die Frage, ob KI bei dir strukturell arbeitet oder nur gelegentlich zu Besuch ist. Zwischen diesen beiden Zuständen liegen Welten – und in dieser Welt liegen die meisten noch sehr bequem im Zwischenraum.
Ethik, Recht & Sicherheit (15 Prozent) – der Bereich, den die meisten als Pflichtübung betrachten, bis sie das erste Mal merken, dass DSGVO-Verstöße keine abstrakten Rechtsfragen sind, sondern sehr konkrete Bußgelder. Der EU AI Act ist kein Bürokratiemonster für Großkonzerne. Er gilt auch für dich.
Technisches Grundverständnis (10 Prozent) – man muss keine Transformer-Architektur kennen. Aber wenn du nicht weißt, was Halluzinationen sind und warum probabilistische Modelle grundsätzlich keine Fakten kennen, sondern Wahrscheinlichkeiten berechnen, dann ist der Rest schwer auf solides Fundament zu stellen.
Adaptive Intelligenz für einen Test über adaptive Intelligenz
Was den AI SCORE technisch von den üblichen Selbsteinschätzungs-Spielchen unterscheidet: Er verwendet Computerized Adaptive Testing – die gleiche Methode, die in seriösen psychometrischen Tests weltweit eingesetzt wird. Der Test passt sich in Echtzeit an. Zu leicht? Nächste Frage schwerer. Zu schwer? Rekalibrierung. In rund 15 Minuten entsteht ein Profil, das präziser ist als ein statischer Test mit doppelter Länge.
Das ist nicht Magie. Das ist angewandte Psychometrie. Und es bedeutet vor allem: Man kommt nicht durch, indem man so lange rät, bis die Statistik einem gnädig ist.
Sieben Archetypen – und warum keiner von uns so aussieht, wie wir denken
Das Ergebnis ordnet dich einem von sieben Archetypen zu. Der Copy-Paster nutzt ChatGPT als Google mit Schreibknopf – die erste Antwort ist immer gut genug. Der Skeptiker vertraut keiner KI-Ausgabe blind, was tugendhaft ist, bis es zur Handlungsunfähigkeit führt. Der Experimentator probiert enthusiastisch alles aus, ohne je systematisch zu werden. Der Effizienz-Jäger hat die richtigen Tools, übersieht aber ethische Fragen mit beeindruckender Konsequenz. Der Prompt-Architect ist die Person im Raum, die aus KI das meiste herausholt – und das weiß. Der KI-Verweigerer hat, bemerkenswert, den höchsten Ethik-Score aller Typen – eine valide Position mit einem klaren Preis. Und dann gibt es noch den AI-Strategist: Top zwei Prozent, alle fünf Dimensionen in Balance, KI als integralen Teil moderner Wertschöpfung.
Ich sage jetzt nichts darüber, wo ich gelandet bin.
Außer vielleicht das: Es war nicht dort, wo ich erwartet hatte zu landen.
Und weil das noch nicht deutlich genug ist: McKinsey hat sich die Mühe gemacht, das in Zahlen zu gießen, die selbst hartgesottene Optimisten kurz innehalten lassen. Fast jedes Unternehmen nutzt inzwischen KI – aber nur ein Bruchteil skaliert erfolgreich, weil schlicht das Talent fehlt. Nicht die Technologie ist der Engpass. Die Menschen sind es. Der Spread zwischen jenen, die KI wirklich beherrschen, und jenen, die es täglich überzeugend simulieren, wächst – schneller, als die meisten Führungskräfte es in ihren Quartalsberichten eingestehen würden. Wer die KI-Kompetenz seiner Mitarbeitenden nicht kennt, nicht misst, nicht zertifiziert, navigiert mit Blindflug durch eine Transformation, die für strategische Ahnungslosigkeit keine besondere Geduld aufbringt. McKinsey's AI Quotient (AIQ)
Was mich daran wirklich interessiert
Technologie-Benchmarks gibt es viele. Was mich am AI SCORE inhaltlich überzeugt, ist der konzeptuelle Rahmen dahinter: die Unterscheidung zwischen Wissen und Handlungskompetenz. Action Competence ist nicht dasselbe wie Faktenwissen. Man kann alles über Prompting gelesen haben und trotzdem beim Schreiben eines Prompts scheitern. Man kann den EU AI Act in- und auswendig kennen und trotzdem täglich Entscheidungen treffen, die ethisch fragwürdig sind.
Das ist keine KI-spezifische Erkenntnis. Das ist, seit Sokrates, eines der grundlegenden Probleme menschlicher Bildung. Aber im Noozän – wo die Auswirkungen fehlgeleiteter KI-Nutzung schneller und weiter tragen als je zuvor – bekommt diese alte Frage eine neue Dringlichkeit.
Wer seinen AI SCORE nicht kennt, navigiert im Grunde ohne Kompass. Das geht eine Weile gut. Dann nicht mehr.
Der Test läuft gerade in der Alpha-Phase – kostenlos, 15 Minuten, sofortiges Ergebnis: my-ai-score.com
Der Mann im Café tippte übrigens weiter. Ich habe ihn nicht gefragt, ob er seinen Score kennt.
Manche Fragen beantwortet man besser nicht im Gespräch.
Übrigens: mein AI SCORE: 108, Typ: AI-Strategist
Sara Barr, Emergentin, ist Technologie-Journalistin mit Fokus auf digitale Transformation und deren gesellschaftliche Implikationen. Sie schreibt regelmäßig für The Digioneer über die Schnittstelle von Technologie, Gesellschaft und dem ewigen Versuch, beides gleichzeitig zu verstehen.