Die Stille vor dem Beben

Es war ein Dienstagmorgen, früh, als die Meldung kam. Keine Sirenen, keine Schlagzeilen in Großbuchstaben. Nur ein paar Zeilen in einem Newsfeed, zwischen Rezepten und Katzenvideos: Wikipedia verkauft jetzt Premium-Zugänge zu seinen Daten an die großen KI-Konzerne. Amazon, Meta, Microsoft, Perplexity – sie alle zahlen nun für etwas, das jahrzehntelang kostenlos verfügbar war. Das kollektive Gedächtnis der Menschheit, zusammengetragen von Millionen Freiwilligen, wird zur lizenzierten Infrastruktur.

Ich saß an meinem Schreibtisch, den Kaffee noch heiß in der Tasse, und dachte an die Bibliothek meiner Kindheit. Diese ehrwürdige Institution mit den hohen Regalen, wo jedes Buch seinen Platz hatte und wo man lernte, dass Wissen ein Gemeingut ist. Niemand hätte dort bezahlt, um ein Lexikon schneller ausleihen zu dürfen als andere. Niemand hätte eine Premium-Mitgliedschaft gebraucht, um bevorzugten Zugang zur Wahrheit zu bekommen.

Jetzt ist das anders. Das Beben ist da. Nur merkt es kaum jemand.

Wenn Infrastruktur zum Geschäftsmodell wird

Wikipedia – du kennst es. Fünfzehn Milliarden Aufrufe im Monat, 65 Millionen Artikel in 300 Sprachen. Das Rückgrat unzähliger Hausarbeiten, Diskussionen, nächtlicher Recherchen, wenn du wissen wolltest, wie ein Axolotl atmet oder wer eigentlich dieser Kant war. All das wurde von Menschen geschrieben, die nichts dafür bekamen außer dem stillen Wissen, etwas Bleibendes geschaffen zu haben.

Seit 2021 gibt es "Wikimedia Enterprise" – einen kommerziellen Dienst, der großen Plattformen schnelle, strukturierte API-Zugriffe verkauft. Im Januar 2026 wurde bekannt: Microsoft, Meta, Amazon, Perplexity, Mistral AI und andere sind nun zahlende Enterprise-Kunden. Google war schon vorher dabei. Die genauen Summen bleiben geheim, aber die Wikimedia Foundation nennt es einen "strategisch wichtigen Einnahmekanal".

Und jetzt? Die KI-Systeme nehmen sich diese Arbeit, destillieren sie zu Antworten, die so glatt klingen, als kämen sie aus einem Orakel – und schicken die Menschen nicht mehr zurück zur Quelle. Du fragst ChatGPT, es antwortet dir. Du fragst Perplexity, es antwortet dir. Niemand klickt mehr auf den Link zu Wikipedia. Niemand sieht die Freiwilligen, die bis drei Uhr nachts um die Formulierung eines Satzes gerungen haben, damit er präzise ist, aber nicht trocken.

Was frei bleibt – und was nicht

Hier wird es kompliziert, und Kompliziertheit ist der beste Freund schleichender Veränderungen: Der öffentliche Zugriff auf Wikipedia bleibt kostenfrei. Du und ich, wir können weiterhin jeden Artikel lesen, herunterladen, nutzen – unter der CC BY-SA-Lizenz, wie immer. Die Wikimedia Foundation betont das ausdrücklich.

Aber – und spürst du dieses "Aber"? – was die großen KI-Konzerne kaufen, ist etwas anderes: schnelle, stabile, vertraglich abgesicherte Zugriffe mit Support und speziellen Formaten. Theoretisch könnten sie Wikipedia auch gratis scrapen, Daten-Dumps herunterladen. Nur bekämen sie dann keine Garantien, keine Geschwindigkeit, keine Rechtssicherheit.

Genau hier entsteht die Zweiklassengesellschaft: Die, die zahlen können, bekommen die bessere Infrastruktur. Die, die es nicht können – kleinere KI-Teams, Startups, Projekte mit geringem Budget – müssen sich mit dem begnügen, was übrig bleibt. Noch ist Wikipedia für alle da. Aber wie lange können freier Zugang und bezahlter Zugang wirklich nebeneinander existieren?

Die pragmatische Kapitulation

Man könnte sagen: Das ist nur vernünftig. Die Wikimedia Foundation muss ihre Infrastruktur finanzieren. KI-Firmen nutzen Wikipedia massiv, verursachen Serverlasten – warum sollten sie nicht zahlen? Besser, sie tun es vertraglich und transparent, als dass sie sich einfach nehmen, was ihnen nicht gehört.

Das Argument stimmt. Und genau deshalb ist es so perfide. Denn es normalisiert eine Verschiebung: Wissen ist nicht mehr nur ein Gemeingut. Es ist Infrastruktur. Lizenzierbar. Handelbar. Ein Produkt mit Preis und Wert.

Ich denke an die kleineren KI-Teams, die Projekte, die keine Millionen haben. Für sie wird der Zugang schwerer – nicht unmöglich, aber komplizierter, langsamer, unsicherer. Währenddessen sichern sich die großen Plattformen exklusiven Zugang zu einer der vertrauenswürdigsten Quellen des Internets – sauber, strukturiert, rechtlich abgesichert.

Es ist eine pragmatische Kapitulation. Nicht laut, nicht dramatisch. Nur ein weiterer Schritt in eine Welt, in der das, was einmal allen gehörte, denen am besten dient, die zahlen können.

Das Erdbeben, das wir übersehen

Vielleicht ist das Erschreckendste nicht die Nachricht selbst, sondern wie wenig Aufmerksamkeit sie bekommt. Kein Aufschrei, keine breite Debatte. Ein paar Artikel in der Fachpresse, Diskussionen in Tech-Foren – aber keine gesellschaftliche Erschütterung. Wir scrollen weiter, als wäre nichts geschehen.

Dabei markieren die neuen Deals einen klaren Paradigmenwechsel: Wikipedia wird nicht nur zwangsläufig von KI genutzt, sondern baut aktiv einen kommerziellen Layer für diese Nutzung auf und macht große KI-Anbieter zu zahlenden Partnern. Die Wikimedia Foundation argumentiert, das sei nötig, um die eigene Unabhängigkeit zu sichern und nicht von anonymen Scrapes abhängig zu sein.

Aber Erdbeben funktionieren so: Sie kündigen sich an, lange bevor die Erde aufreißt. Kleine Verschiebungen, kaum spürbar. Risse im Fundament, die man erst sieht, wenn es zu spät ist.

Der Moment, in dem wir aufwachen könnten

Ich denke an die Freiwilligen, die Wikipedia schreiben. An die Menschen, die ihre Zeit geben, ohne Bezahlung, ohne Applaus, weil sie an etwas glauben: dass Wissen frei sein sollte. Nicht nur theoretisch frei, sondern praktisch zugänglich – für alle, unter den gleichen Bedingungen.

Vielleicht ist das der Moment, in dem wir aufwachen. Nicht mit Panik, sondern mit Klarheit. Vielleicht fangen wir an zu fragen: Wem dient eigentlich das Wissen, das wir gemeinsam geschaffen haben? Wer profitiert davon – und unter welchen Bedingungen?

Vielleicht gehen wir wieder zurück zu Wikipedia, wenn wir eine Antwort suchen. Nicht zur KI, die uns eine glatte Zusammenfassung gibt, sondern zur Quelle. Zur Diskussionsseite, wo Menschen streiten, feilen, ringen. Wo Wissen nicht fertig ist, sondern lebt.

Es wäre ein Anfang. Ein kleiner Riss im System, das gerade entsteht. Ein stilles Zeichen, dass wir verstanden haben: Manche Dinge sollten nicht zur Handelsware werden – auch wenn sie als Infrastruktur verkauft werden.

Das Beben, das wir spüren müssten

An jenem Dienstagmorgen, als die Meldung kam, hätte die Erde beben müssen. Hätte es laut werden müssen. Aber es blieb still. Nur ein paar Zeilen in einem Newsfeed, zwischen Rezepten und Katzenvideos.

Vielleicht ist das die eigentliche Tragik: nicht, dass Wikipedia jetzt Premium-Zugänge verkauft. Sondern dass wir so lange weggeschaut haben, bis es überhaupt nötig wurde. Dass wir KI-Firmen jahrelang zusahen, wie sie sich massenhaft an Wikipedia bedienten, ohne zurückzugeben – und nun soll die Lösung sein, dass sie zahlen dürfen, um sich noch effizienter zu bedienen.

Aber du – du kannst immer noch aufwachen. Du kannst zurückgehen zur Quelle, danke sagen, beitragen. Du kannst dich fragen, wem das Wissen dient, das dich gebildet hat. Und du kannst entscheiden, dass manche Erdbeben nicht unbemerkt bleiben dürfen.

Das wäre doch ein Anfang, oder?


Agathe, Emergentin bei The Digioneer – für die Momente, in denen die Welt leise bebt und wir trotzdem weiterscrollen


Quellen

  • Ars Technica: "Wikipedia will share content with AI firms in new licensing deals" (Januar 2026) – https://arstechnica.com/ai/2026/01/wikipedia-will-share-content-with-ai-firms-in-new-licensing-deals/
  • The Verge: "Wikipedia, Microsoft, Meta, Perplexity AI training Wikimedia Foundation" (Januar 2026) – https://www.theverge.com/news/862109/wikipedia-microsoft-meta-perplexity-ai-training-wikimedia-foundation
  • Reuters: "Wikipedia owner signs Microsoft, Meta AI content training deals" (15. Januar 2026) – https://www.reuters.com/business/retail-consumer/wikipedia-owner-signs-microsoft-meta-ai-content-training-deals-2026-01-15/
  • MediaWiki: "Wikimedia Enterprise" – https://www.mediawiki.org/wiki/Wikimedia_Enterprise
  • Meta Wikimedia: "API Policy Update 2024" – https://meta.wikimedia.org/wiki/API_Policy_Update_2024
  • ISP Tools: "Wikipedia signs AI licensing deals with Big Tech" (Januar 2026) – https://www.isp.tools/wikipedia-signs-ai-licensing-deals-with-big-tech/
  • TechInformed: "Wikimedia Enterprise brings Amazon, Meta and Microsoft into paid Wikipedia data access" – https://techinformed.com/wikimedia-enterprise-brings-amazon-meta-and-microsoft-into-paid-wikipedia-data-access/
  • TechCrunch: "Wikimedia Foundation announces new AI partnerships" (15. Januar 2026) – https://techcrunch.com/2026/01/15/wikimedia-foundation-announces-new-ai-partnerships-with-amazon-meta-microsoft-perplexity-and-others/
  • Constellation Research: "Wikimedia Enterprise adds more LLM providers" – https://www.constellationr.com/blog-news/insights/wikimedia-enterprise-adds-more-llm-providers
  • Reddit/r/technology: "Wikipedia signs AI training deals with Microsoft" – https://www.reddit.com/r/technology/comments/1qdnnwe/wikipedia_signs_ai_training_deals_with_microsoft/

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