Ich sitze in einem Café in Brooklyn. Vor mir zwei Dokumente. Links: Deloittes Tech Trends 2026. Rechts: Österreichs KI-Strategie. Draußen regnet es. Drinnen schmilzt mir das Hirn.
Nicht, weil beide Texte so komplex wären. Sondern weil ich nicht fassen kann, dass sie über dieselbe Technologie reden – und trotzdem in völlig verschiedenen Universen leben.
Deloitte beschreibt eine Welt, in der Innovation sich exponentiell potenziert. Wo KI nicht mehr nur Software ist, sondern physisch wird – Roboter, die sehen, lernen, handeln. Wo Unternehmen ihre komplette Tech-Architektur umbauen müssen, weil alles andere Selbstmord ist. Wo 2 Millionen humanoide Roboter bis 2035 in Fabriken arbeiten. Wo synthetische Daten das neue Öl sind und neuromorphe Chips Rechenzentren energieeffizient machen.
Und Österreich?
Österreich plant eine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Werbetexte.
Ich meine. Ernsthaft?
BREAK – Während die Welt Roboter baut, klebt Österreich Etiketten auf
Lass mich das auseinandernehmen, damit du verstehst, wie absurd das ist.
Deloitte sagt:
„Generative KI erreichte 100 Millionen Nutzer in zwei Monaten. Das Telefon brauchte dafür 50 Jahre."
Das ist kein lineares Wachstum. Das ist ein Schwungrad. Bessere Technologie → mehr Anwendungen → mehr Daten → mehr Investitionen → bessere Infrastruktur → noch bessere Technologie. Ein sich selbst verstärkender Kreislauf. Deloitte nennt das „Innovation compounds".
Österreich nennt das... gar nichts. Weil niemand in der Regierung verstanden hat, was ein exponentieller Prozess überhaupt ist.
Deloitte sagt:
„KI verlässt den Bildschirm. Vision-Language-Action-Modelle ermöglichen Robotern, ihre Umgebung wahrzunehmen, Sprache zu verstehen und autonom zu handeln."
Das bedeutet: Maschinen, die nicht nur Anweisungen befolgen, sondern selbst entscheiden. Die in Lagerhallen arbeiten, in Pflegeheimen assistieren, in Fabriken produzieren. Nicht irgendwann. Jetzt.
Österreich sagt:
„Ab August 2026 müssen KI-generierte Inhalte in der Kundenkommunikation klar gekennzeichnet sein."
Cool. Während Boston Dynamics Roboter baut, die Saltos machen, diskutiert Wien, ob ein Chatbot-Text ein Wasserzeichen braucht.
Deloitte sagt:
„Nur 11 % der Unternehmen haben KI-Agenten produktiv im Einsatz. Der Grund: Veraltete Systeme und Prozesse, die nicht agent-native sind."
„Agent-native" heißt: Prozesse, die von Grund auf für autonome KI-Systeme gebaut wurden. Nicht „Wir automatisieren das alte System", sondern „Wir werfen das alte System weg und bauen neu". Das ist der Unterschied zwischen digitalisieren und transformieren.
Österreich sagt:
„Wir setzen auf Anschlussfähigkeit."
Anschlussfähigkeit. Das Lieblingswort jeder Behörde, die keine Ahnung hat, was sie tun soll. „Wir schließen uns an – sobald jemand anderes vorgelegt hat." Das ist keine Strategie. Das ist strukturelle Feigheit.
ANALYZE – Warum alte weiße Männer keine KI-Strategie schreiben sollten
Ich will nicht unfair sein. Aber ich bin es trotzdem.
Die österreichische Bundesregierung wird überwiegend von Menschen geführt, die deutlich älter sind als die digitalen Technologien, über die sie entscheiden. Das ist nicht per se das Problem. Das Problem ist, dass die meisten von ihnen das Internet für Neuland halten und ChatGPT für Zauberei. Die digitale Kompetenz dieser Regierung endet bei PowerPoint – und selbst da wackelt's.
Wenn Leute, die nie eine Zeile Code geschrieben haben, nie ein neuronales Netz trainiert haben, nie verstanden haben, wie Machine Learning funktioniert, eine nationale KI-Strategie schreiben, kommt dabei raus: Regulierung. Kontrolle. Bürokratie.
Nicht, weil sie böse sind. Sondern weil sie Angst haben. Angst vor Kontrollverlust. Angst vor Veränderung. Angst davor, dass jemand merkt, dass sie keine Ahnung haben.
Und wer hilft ihnen dabei, diese Angst zu rationalisieren? Die Datenschutz-Fraktion.
Lass mich das klarstellen: Datenschutz ist wichtig. DSGVO war ein Meilenstein. Aber Datenschutz ist kein Selbstzweck. Datenschutz soll Menschen schützen – nicht Bürokratien konservieren.
Und genau das passiert gerade.
Jedes Mal, wenn jemand vorschlägt, Daten sinnvoll zu nutzen – etwa, um medizinische Forschung zu beschleunigen, Verkehrsflüsse zu optimieren oder Verwaltungsprozesse zu vereinfachen – kommt die Datenschutz-Kavallerie angeritten: „Aber die DSGVO! Aber die Einwilligung! Aber die Risiken!"
Risiken. Immer Risiken. Nie Chancen.
Weißt du, was das eigentliche Risiko ist? Dass Europa technologisch abgehängt wird, während wir noch diskutieren, ob ein Algorithmus diskriminieren könnte.
Natürlich könnte er. Deswegen brauchen wir Red Teaming – so wie Deloitte es beschreibt: KI-Systeme, die andere KI-Systeme angreifen, um Schwachstellen zu finden. Aber dafür müssten wir erst mal welche bauen.
Stattdessen sitzt Österreich in Arbeitsgruppen und plant „KI-Governance". Governance. Ein Wort, das immer dann benutzt wird, wenn niemand weiß, was eigentlich gemacht werden soll.
Drei strukturelle Blockaden:
1. Fehleraversion als Staatsdoktrin
Innovation bedeutet Scheitern. Schnelles Scheitern. Billig scheitern. Fail fast, learn faster. Österreich hat Angst vor jedem Fehler, weil Fehler Verantwortung bedeuten. Also passiert lieber nichts.
2. Datenschutz als Innovations-Verhinderer
Die DSGVO wird missbraucht als Totschlagargument gegen jede Veränderung. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Bequemlichkeit. Jede neue Idee? „Datenschutzrechtlich bedenklich." Jedes neue System? „Erst mal drei Jahre prüfen."
3. Regulierung statt Experimente
Deloitte beschreibt, wie Unternehmen ihre komplette Infrastruktur umbauen: Hybrid-Architekturen zwischen Cloud, On-Premise und Edge Computing. Österreich plant derweil, wie man „vertrauenswürdige KI" definiert. Das eine ist Handeln. Das andere ist Labern.
BUILD – Was passieren müsste (wenn Kompetenz Pflicht wäre)
Stell dir vor – nur mal rein hypothetisch – Österreich würde nicht von Leuten regiert, die glauben, „die Cloud" sei ein Wetterphänomen. Dann würde Folgendes passieren:
1. Ein nationales KI-Experimentier-Labor
Nicht auf dem Papier. Ein echtes Labor. Mit Budget. Mit Forschern. Mit Start-ups. Mit einem Auftrag: Baut die verdammte Zukunft. Testet Vision-Language-Action-Modelle. Trainiert Roboter. Entwickelt agent-native Prozesse. Scheitert. Lernt. Baut weiter.
2. Datenschutz neu denken: „Privacy by Design" statt „Nein by Default"
Datenschutz muss in die Systeme eingebaut werden – nicht als Hindernis davor geschaltet. Anonymisierung. Synthetische Daten. Differenzielle Privatsphäre. Alles technisch möglich. Aber dafür müsste man sich mit der Technologie beschäftigen, statt sie zu fürchten.
3. Berufsverbot für digitale Analphabeten in Tech-Ministerien
Wenn du nicht weißt, was ein Transformer-Modell ist, darfst du keine KI-Strategie schreiben. Wenn du nicht verstehst, wie Cloud-Infrastruktur funktioniert, darfst du keine Digitalisierungspolitik machen. Kompetenz als Voraussetzung. Radikale Idee, ich weiß.
4. Ein „Fast-Fail"-Fonds
100 Millionen Euro. Für Projekte, die schiefgehen dürfen. Für Experimente. Für Mut. Wenn ein Projekt scheitert? Super. Dokumentieren, lernen, nächstes. Wenn es funktioniert? Skalieren.
5. KI-Bildung ab der Volksschule
Nicht „Medienkompetenz". Nicht „Digitalisierung". Sondern: Wie funktioniert ein neuronales Netz? Wie trainiert man ein Modell? Was ist Bias? Kinder verstehen das in einer Stunde. Regierungsmitglieder offenbar nie.
6. Schluss mit „Anschlussfähigkeit"
Estland hat nicht gewartet, bis jemand vorlegt. Die haben einfach gebaut. E-Residency. Digitale Signaturen. 99 % aller Behördengänge online. Warum? Weil sie Führung hatten, nicht „Anschlussfähigkeit".
Und jetzt? (Spoiler: Es ist zu spät. Aber machen wir's trotzdem.)
Draußen in Brooklyn hat es aufgehört zu schneien. Die U-Bahn fährt. Das Netz funktioniert. Und irgendwo in einem Büro plant ein Start-up gerade den nächsten Roboter, der autonom durch Lagerhallen navigiert.
Österreich sitzt derweil in einer Arbeitsgruppe und diskutiert, ob KI-generierte Texte ein Logo brauchen.
Ich könnte jetzt sagen: „Es ist noch nicht zu spät." Aber wäre das ehrlich?
Deloitte beschreibt eine Welt, in der Innovation sich exponentiell beschleunigt. Wo Unternehmen entweder umbauen – oder sterben. Wo neuromorphe Chips, synthetische Daten und GEO statt SEO die neue Realität sind.
Österreich plant „Anschlussfähigkeit".
Vielleicht ist das der Moment, an dem wir ehrlich sein müssen: Ihr seid nicht anschlussfähig. Ihr seid abgehängt.
Nicht, weil die Technologie zu schnell ist. Sondern weil die Verantwortlichen zu langsam, zu ängstlich, zu inkompetent sind.
Also: Herr, lass Hirn regnen.
Oder wenigstens ein paar Leute, die verstehen, dass die Zukunft nicht wartet, bis Boomer sie verstanden haben.
Quellen
– Deloitte: Tech Trends 2026 – Full Report
– Bundeskanzleramt Österreich: KI-Strategie AIM AT 2030
– Bundesministerium für Klimaschutz: KI-Umsetzungsplan November 2024
– EU AI Act: Regulatory Framework (2024)
– Deloitte: Vision-Language-Action Models & Physical AI
– Deloitte: Agentic AI Reality Check
– Estonia: E-Governance Solutions