Liebe Digioneer-Community,
heute entführe ich euch an Tische, die nach mehr riechen als nach Essen. Ihr kennt das vielleicht: In einer Welt, in der Algorithmen entscheiden, was wir zu sehen bekommen, und Plattformen darüber wachen, was wir kaufen, vergessen wir manchmal, dass die radikalste Entscheidung, die wir täglich treffen, bereits auf dem Teller liegt. Was wir essen, ist Datenpunkt, Politikum und Haltung zugleich. Und wer glaubt, das sei übertrieben, hat noch nicht „Übers Essen spricht man nicht" gehört.

PODCAST DER WOCHE: Übers Essen spricht man nicht
Titel: GAUMEN HOCH – Übers Essen spricht man nicht
Moderatorinnen: Alexandra Seyer-Gmeinbauer und Nina Hartmann
Frequenz: Zweiwöchentlich (jeden zweiten Mittwoch)
Stellt euch vor: Ihr sitzt in einem zertifizierten Wiener Bio-Restaurant, der Sauerteig duftet, und zwei Frauen beginnen ein Gespräch, das eigentlich verboten sein sollte. Nicht verboten im juristischen Sinne – sondern verboten im Sinne jener ungeschriebenen Regel, die besagt: Übers Essen spricht man nicht. Man isst es einfach. Man postet es. Man filtert es auf Instagram. Aber analysieren, hinterfragen, politisieren? Bloß nicht. Genau diese Tabuzone betreten Alexandra Seyer-Gmeinbauer und Nina Hartmann in ihrem Podcast mit erfrischender Unverfrorenheit – und Gault Millau dankte es ihnen mit Platz 2 der beliebtesten Food-Podcasts Österreichs.
Der Podcast ist das akustische Herzstück des Gaumen-Hoch-Ökosystems – eines österreichischen Qualitätsgütesiegels für verantwortungsbewusste Gastronomie, das während der Corona-Pandemie aus der Erkenntnis heraus entstand, dass regionale Lebensmittelversorgung keine Selbstverständlichkeit ist. In jeder Folge laden Alexandra Seyer-Gmeinbauer, Co-Gründerin und Kommunikationsstrategin, oder Schauspielerin Nina Hartmann Gäste aus Lebensmittelwirtschaft, Landwirtschaft, Wissenschaft und Gastronomie zu einem "Tischgespräch in gemütlicher Runde" – aufgenommen jeweils in einem anderen Gaumen-Hoch-Mitgliedsbetrieb. Die Gästeliste ist bemerkenswert: von Humanbiologe Martin Grassberger über Schokoladenpionier Josef Zotter und seiner Tochter Julia bis hin zu den Spitzenköchinnen Parvin Razavi (&flora) und Paul Ivić (Tian) – hier trifft kulinarische Expertise auf gesellschaftspolitischen Anspruch.
Stil und Präsentation
Was diesen Podcast aus der stetig wachsenden Food-Content-Lawine heraushebt, ist die konsequente Weigerung, es bei Oberflächlichem zu belassen. Die Tischgespräche entwickeln sich organisch – mal wissenschaftlich, wenn Grassberger über den "inneren Garten" unseres Darm-Mikrobioms spricht, mal unternehmerisch, wenn die Zotters über Betriebsübergaben ohne Familiendrama erzählen, mal politisch, wenn es um verpflichtende Bio-Zertifizierungen in der Gastronomie geht. Der Vodcast-Charakter – der Podcast erscheint auch als Videosendung auf YouTube und Spotify – verleiht dem Format eine zusätzliche Authentizität: Man sieht, wo man sitzt, riecht fast die Küche, versteht den Raum.
Highlights
- Aufnahmen aus wechselnden Gaumen-Hoch-Partnerbetrieben, die jedem Gespräch seinen eigenen Klang und seine eigene Atmosphäre geben
- Mutig breite Themenpalette: von Mikrobiom-Forschung über Sauerteig-Handwerk bis zur Macht von Food-Influencerinnen auf Social Media
- Die Doppelmoderation von Seyer-Gmeinbauer und Hartmann schafft zwei unterschiedliche Gesprächsperspektiven – Gründerin trifft Künstlerin
- Live-Podcast-Format beim Austria Food Blogger Award mit direktem Bezug zu digitaler Reichweite und Gastro-Verantwortung
- Platz 2 im Gault-Millau-Ranking der beliebtesten österreichischen Food-Podcasts – verdient, nicht gekauft
Lernfaktor
Für die Digioneer-Community ist dieser Podcast überraschend relevant – und zwar nicht trotz, sondern wegen seines analogen Themas. Die Fragen, die Gaumen Hoch stellt, sind strukturell dieselben, die digitale Transformation stellt: Wie schaffen wir Transparenz in komplexen Systemen? Wie bauen wir Vertrauen durch Zertifizierung? Wie kommunizieren Werte in einer Aufmerksamkeitsökonomie, die nach Schnellem und Spektakulärem schreit? Das Gaumen-Hoch-Ökosystem – Gütesiegel, Magazin, Guide, Podcast, Vodcast – ist ein Lehrstück in konsequenter Multi-Channel-Strategie mit Haltung als Markenkernen. Was die digitale Welt von diesem kulinarischen Ansatz lernen kann: Substanz schlägt Reichweite, Community schlägt Follower-Count, und die radikalste Disruption ist manchmal, einfach zurückzufragen: Woher kommt das eigentlich?
Kritik
Der Podcast lebt von seiner Milieugebundenheit – und das ist gleichzeitig seine größte Stärke und seine sichtbarste Grenze. Wer nicht bereits Affinität zu Bio, Nachhaltigkeit und bewusstem Konsum mitbringt, wird sich möglicherweise wie bei einem Vereinstreffen fühlen, zu dem man aus Versehen geraten ist. Die Gesprächspartnerinnen und -partner kommen durchwegs aus einem bereits überzeugten Lager; echte Reibung mit kritischen Gegenstimmen fehlt. Und ja: Manchmal wäre weniger Selbstvergewisserung, mehr unbequeme Frage die interessantere Wahl.
Agathe meint und bewertet

Es gibt Podcasts, die existieren, weil Content produziert werden muss. Und dann gibt es Podcasts, die existieren, weil eine Idee keine andere Wahl hatte, als laut zu werden. "Übers Essen spricht man nicht" gehört zur zweiten Kategorie. Alexandra Seyer-Gmeinbauer und Nina Hartmann erzählen keine Foodie-Märchen, sie stellen Systemfragen – und tun das mit der Eleganz zweier Frauen, die wissen, dass man am meisten bewegt, wenn man beim Essen sitzt und das Gespräch nicht abbricht, wenn es unbequem wird.
In einer Medienwelt, die uns täglich mit Ultra-processed Content füttert – schnell, billig, appetitlich anzusehen, nährwertarm – ist dieser Podcast ein Slow-Food-Moment für die Ohren. Und das meine ich als höchstes Kompliment.
Meine Bewertung: 4.2 ⭐️
Wer versteht, dass Transformation nicht nur digital, sondern auch kulinarisch beginnt, und wer bereit ist, sich beim nächsten Einkauf zumindest kurz zu fragen, woher dieser Salat eigentlich kommt – der wird in diesem Podcast eine unerwartete Komplizin finden. Das Leben ist zu kurz für gedankenloses Essen. Und für Podcasts, die nichts zu sagen haben.
Eure Agathe 💕
P.S.: Den Podcast findet ihr auf allen gängigen Plattformen, auf Spotify und YouTube auch als Vodcast – also für alle, die beim Zuhören auch gerne zuschauen, wie gemütlich ein Tischgespräch in einem Wiener Bio-Lokal aussehen kann.