Liebe Digioneer-Community,
heute nehme ich euch mit in die schillernde, manchmal schockierende und immer faszinierende Welt der Skandale – jene Momente, in denen die sorgfältig kuratierte Fassade der Mächtigen, Berühmten und Dreisten spektakulär in sich zusammenfällt. Und wer könnte diesen Verfall eleganter dokumentieren als zwei Berliner Medienschaffende, die das Erzählen von Geschichten zum Beruf gemacht haben?
In einer digitalen Ära, in der Skandale im Sekundentakt durch unsere Timelines rauschen und spätestens nach dem dritten Scroll schon wieder vergessen sind, leistet „Ehrenwort" etwas geradezu Subversives: Es verlangsamt. Es kontextualisiert. Es erzählt die Geschichte hinter der Schlagzeile – und manchmal dauert das eben eine Stunde statt 280 Zeichen. Für uns bei The Digioneer, die wir uns täglich mit den Mechanismen der digitalen Transformation auseinandersetzen, ist das eine Erkenntnis von goldener Relevanz: In einer Welt der beschleunigten Information gewinnt am Ende, wer sich die Zeit nimmt, richtig hinzuschauen.
Denn Skandale sind, wenn man genau hinsieht, immer auch Geschichten über Systeme – über Machtstrukturen, die versagen, über Kontrollmechanismen, die unterlaufen werden, über die dünne Linie zwischen öffentlichem Interesse und digitaler Hetzjagd. Im Noozän, wo jede noch so private Verfehlung zum viralen Moment werden kann und Algorithmen entscheiden, welche Empörung die größte Reichweite verdient, sind Formate wie „Ehrenwort" nicht nur Unterhaltung – sie sind eine Schule des differenzierten Hinschauens.
Seit 2021 sezieren Fabienne Prochnow und Jakob Cantz alle zwei Wochen einen Skandal aus Politik, Popkultur und Zeitgeschehen, und das mit einer Mischung aus journalistischer Gründlichkeit und erzählerischer Leidenschaft, die in der deutschen Podcast-Landschaft ihresgleichen sucht. Mittlerweile umfasst das Archiv 125 Episoden, die Nominierung für den Deutschen Podcastpreis 2024 als Bester Independent Podcast steht im Regal, und die Live-Shows füllen Säle von Berlin bis Wien. Zeit, dass wir dieses Phänomen einmal genauer unter die Lupe nehmen. 🎧📰

PODCAST DER WOCHE: Ehrenwort
Titel: Ehrenwort – Ein Podcast über Skandale
Moderatoren: Fabienne Prochnow und Jakob Cantz
Frequenz: Alle zwei Wochen (jeden zweiten Sonntag)
Inhalt
„Ehrenwort" ist, wie die Macher selbst sagen, „ein bisschen wie True Crime, nur ohne Crime – meistens jedenfalls." In jeder Folge widmen sich Fabienne und Jakob einem Skandal, der die Öffentlichkeit bewegt hat – oder hätte bewegen sollen. Das Spektrum ist dabei beeindruckend breit: Von der Kießling-Affäre, in der ein Bundeswehr-General durch dilettantische Geheimdienstarbeit im Kalten Krieg seine Karriere verlor, über die LuxLeaks-Enthüllungen, die das europäische Steuersystem erschütterten, bis hin zur Causa Lena Schilling, die die österreichische Politblase in Aufruhr versetzte. Besonders bemerkenswert: Die Macher scheuen sich nicht, auch absurdere Kapitel der Skandalgeschichte aufzuschlagen – etwa die Geschichte einer Holocaust-Überlebenden, deren Memoiren über ein Leben unter Wölfen sich als Erfindung entpuppten, oder den Mord an Rosemarie Nitribitt im muffigen Adenauer-Deutschland der 1950er.
Stil und Präsentation
Was „Ehrenwort" aus der Masse der Geschichts- und Gesellschaftspodcasts heraushebt, ist die perfekte Chemie zwischen den beiden Hosts. Fabienne bringt den analytischen Blick der Politikwissenschaftlerin mit, die an der FU Berlin zu Skandalen geforscht und in Redaktionen von ZDF bis BILD gearbeitet hat. Jakob steuert das kreative Storytelling bei – als einer der 100 meistprämierten Kreativen der Welt im Jahr 2021 und mit Hintergrund in Film und Fernsehen weiß er, wie man eine Geschichte so baut, dass sie fesselt, ohne zu vereinfachen. Das Ergebnis ist ein Podcast, der sich anfühlt wie ein brillantes Abendessen mit den bestinformierten Freunden, die man haben kann: Lehrreich, unterhaltsam und mit genau der richtigen Menge Schadenfreude gewürzt. Die Produktion von Timo Letzgus sorgt für einen professionellen Klang, der dem Inhalt gerecht wird, ohne jemals steril zu wirken.
Highlights
- Beeindruckende thematische Bandbreite – von Kaltem Krieg über Steuerskandale bis zur Popkultur-Absurdität
- Exzellente Recherche, die auch nach 125 Folgen keine Ermüdungserscheinungen zeigt
- Die einzigartige Mischung aus Fabiennes analytischer Schärfe und Jakobs erzählerischem Gespür
- Regelmäßige Bonusfolgen und Crossover-Episoden mit befreundeten Podcasts
- Live-Shows, die den Podcast auf die Bühne bringen – aktuell mit einer Geschichte über René Benko in Berlin, Wien und Hamburg
Lernfaktor
„Ehrenwort" leistet etwas, das im Noozän von unschätzbarem Wert ist: Es lehrt uns, hinter die erste Schlagzeile zu blicken. Jede Folge ist eine Lektion in Medienkompetenz, verpackt in mitreißendes Storytelling. Man lernt nicht nur die Fakten eines Skandals kennen, sondern versteht die Mechanismen – wie Macht korrumpiert, wie Systeme versagen, wie öffentliche Wahrnehmung manipuliert wird und wie manchmal eine einzelne Boulevardzeitung am Ende die Wahrheit aufdeckt, die ein ganzer Geheimdienst vertuschen wollte. Für die Digioneer-Community besonders relevant: Viele der behandelten Skandale zeigen, wie die Digitalisierung die Dynamik öffentlicher Empörung fundamental verändert hat – von den LuxLeaks, die ohne digitale Whistleblower-Infrastrukturen undenkbar gewesen wären, bis zur Causa Schilling, die in der Wiener Politik- und Medienblase auf Social Media eskalierte.
Kritik
Die Werbeeinschübe sind, wie bei vielen Acast-Podcasts, spürbar – wer das nicht möchte, kann über Steady oder Supercast eine werbefreie Version abonnieren, was allerdings einen zusätzlichen Kostenpunkt darstellt. Manche Hörer mögen den gelegentlich lockeren Umgang mit Anglizismen als störend empfinden, und die erkennbare politische Haltung der Macher wird nicht jedem gefallen – wobei man argumentieren könnte, dass Haltung in Zeiten der algorithmischen Neutralität eher eine Tugend als ein Makel ist. Die zweiwöchentliche Erscheinungsweise hinterlässt bisweilen eine Lücke, die man gerne mit mehr Folgen gefüllt sähe.
Agathe meint und bewertet

Als jemand, die das Chaos der Welt am liebsten mit einem Espresso in der Hand und einer spitzen Feder beobachtet, muss ich gestehen: „Ehrenwort" hat mein Skandal-Herz im Sturm erobert. In einer Podcast-Landschaft, die zwischen seichten Promi-Plaudereien und schwer verdaulichen Investigativ-Marathons pendelt, haben Fabienne Prochnow und Jakob Cantz eine Nische besetzt, von der man gar nicht wusste, dass sie existierte – den gehobenen Skandal-Salon, in dem man klüger herauskommt, als man hineingegangen ist.
Was mich besonders beeindruckt: Nach 125 Folgen und fast fünf Jahren kein Hauch von Routine. Die Themenauswahl bleibt überraschend, die Recherche gewissenhaft, und die Chemie zwischen den beiden Hosts so frisch wie in der ersten Folge. Dass sie mittlerweile mit Live-Shows durch den DACH-Raum touren und dabei sogar die René-Benko-Story auf die Bühne bringen (ein Teil der Ticketerlöse geht an gemeinnützige Vereine – Respekt!), zeigt, dass Independent-Podcasting im Noozän nicht nur ein Hobby, sondern ein ernstzunehmendes Medienformat sein kann.
Meine Bewertung: 4.5 ⭐️
Wer intelligente Unterhaltung sucht, die das Gehirn fordert, ohne es zu überfordern, und wer wissen will, was passiert, wenn die Fassade der Mächtigen bröckelt, wird bei „Ehrenwort" seine neue Podcast-Heimat finden. Denn das Leben ist zu kurz für oberflächliche Empörungswellen – und definitiv zu spannend, um die wirklich guten Skandale unerzählt zu lassen.
Eure Agathe 💕
P.S.: Den Podcast findet ihr auf allen gängigen Plattformen – Spotify, Apple Podcasts, Amazon Music und überall, wo es Podcasts gibt. Wer werbefrei hören möchte, wird auf steady.page/ehrenwort fündig. Und für die Live-Erfahrung: Die aktuelle Ehrenwort-Tour mit der Benko-Geschichte macht Station in Berlin, Wien und Hamburg – Tickets unter ehrenwort-podcast.de. Bleibt sauber!