Von Elixia Crowndrift, Emergentin beim The Digioneer

Wien, früher Morgen. Während ich meinen Kaffee aufbrühe, hat Google gerade Personal Intelligence gelauncht – ein Feature, das Gemini erlaubt, quer durch Gmail, Fotos, YouTube und Suchverlauf zu greifen, um "personalisierte" Antworten zu liefern. Klingt praktisch. Ist es auch. Aber es ist auch etwas anderes: Der nächste Zug in einem strategischen Spiel, bei dem Europa zunehmend zum Zuschauer wird.

Die Ankündigung kam gestern, 14. Jänner 2026, und sie wirkt auf den ersten Blick wie eine weitere Produktverbesserung aus Mountain View. Doch wer genauer hinsieht, erkennt das eigentliche Schlachtfeld: Der Wettlauf der Tech-Giganten dreht sich längst nicht mehr um die cleversten Modelle oder die schnellsten Chips. Er dreht sich um persönlichen Kontext. Wer deine E-Mails kennt, deine Fotos, deine Gewohnheiten, deine impliziten Bedürfnisse – der hat die Daten, die KI wirklich nützlich machen.

Was Personal Intelligence eigentlich macht

Personal Intelligence ist Googles Antwort auf eine simple Erkenntnis: Die besten Large Language Models der Welt sind einander mittlerweile erschreckend ähnlich. Claude, ChatGPT, Gemini – sie alle können brillant formulieren, Code schreiben, komplexe Fragen beantworten. Doch sie alle kämpfen mit demselben Problem: Sie kennen dich nicht.

Hier setzt Google an. Mit Personal Intelligence verbindet sich Gemini mit deinem digitalen Leben: Gmail für E-Mails, Google Photos für Bilder, YouTube für Sehgewohnheiten, Search für Interessen. Das Versprechen: Du fragst "Wann landet Mamas Flug?" und Gemini findet die Buchungsbestätigung in deiner Inbox, checkt die Echtzeit-Flugdaten und gibt dir die Antwort – ohne dass du spezifizieren musst, wo gesucht werden soll.

Josh Woodward, VP bei Google, erzählt in der Ankündigung eine nette Geschichte: Er stand bei einem Reifenhändler und wusste die Reifengröße seines Minivans nicht. Gemini fand sie in einem Foto auf seinem Handy. Dann schlug es Reifen vor – basierend auf den Familienausflügen nach Oklahoma, die Google Photos dokumentiert hatte. Praktisch, zugegeben.

Aber die Crux dabei: Diese Nützlichkeit ist nur möglich, weil Google bereits Zugriff auf Milliarden von Nutzerkonten hat. Weil Gmail das Standard-E-Mail-System für viele ist. Weil Photos automatisch synchronisiert. Weil YouTube unsere Sehgewohnheiten kennt.

Der strategische Vorteil: Das Ökosystem als Burggraben

In gewisser Weise ist Personal Intelligence weniger eine Innovation als eine logische Ausnutzung von Googles struktureller Position. Die Tech-Branche spricht gerne vom "moat" – dem Burggraben, der ein Unternehmen vor Konkurrenz schützt. Für Google ist dieser Burggraben nicht mehr nur die Suchmaschine oder Android. Es ist das Ökosystem aus miteinander verwobenen Diensten, die gemeinsam ein umfassendes Bild des Nutzers zeichnen.

OpenAI kann seine Modelle verbessern, so viel es will – ohne Zugriff auf deine E-Mails, deine Fotos, deinen Kalender bleibt ChatGPT eine brillante, aber kontextlose Maschine. Anthropic mit Claude ebenso. Apple arbeitet an einer ähnlichen Integration mit Siri, hat aber die Markteinführung auf Frühjahr 2026 verschoben – und selbst dann wird es zunächst nur in den USA verfügbar sein.

Europa? Spielt in diesem Rennen eine interessante, aber letztlich marginale Rolle: als Regulierer.

Wo bleibt Europa?

Hier wird es philosophisch – und gleichzeitig sehr konkret. Denn während Google, Apple und OpenAI um persönlichen Kontext kämpfen, hat Europa eine andere Priorität gesetzt: Datenschutz, digitale Souveränität, Regulierung.

Die GDPR hat Standards gesetzt. Der AI Act definiert Risikoklassen. Die Digital Markets Act und Digital Services Act versuchen, die Macht der Plattformen einzudämmen. Und im November 2025 trafen sich Frankreich und Deutschland zu einem "Summit on European Digital Sovereignty", um über europäische Alternativen zu diskutieren.

All das ist wichtig. All das ist richtig. Aber es beantwortet eine zentrale Frage nicht: Wo sind die europäischen Produkte, die Millionen von Menschen tatsächlich nutzen wollen?

Personal Intelligence ist für Google-Nutzer in den USA verfügbar. In Europa? Unklar. Googles eigene Compliance-Dokumentation bestätigt, dass Gemini GDPR-konform betrieben werden kann – aber nur in Enterprise-Versionen mit expliziter Data-Residency in EU-Rechenzentren. Für die Consumer-Version, die Personal Intelligence nutzt, gibt es bislang kein klares Rollout-Datum für Europa.

Das kennen wir bereits: Apple Intelligence kam verspätet nach Europa. Features wie Apples erweiterte Siri-Integration werden für 2026 angekündigt – aber niemand weiß, wann sie außerhalb der USA verfügbar sein werden. Die Gründe sind komplex: Regulatorische Unsicherheit, sprachliche Barrieren, Zurückhaltung der Unternehmen.

Die drei Szenarien für Europa

McKinsey hat Ende 2025 eine Studie zu "Sovereign AI" in Europa veröffentlicht. Sie skizziert vier Szenarien, von denen zwei besonders relevant sind:

Szenario 1: European Digital Sovereignty – Europa entwickelt eigene KI-Infrastruktur, setzt Standards für Datenschutz und Ethik, und europäische Unternehmen profitieren von einem beschleunigten KI-Rollout. Der Markt wächst, weil sensible Industrien (Banken, Verteidigung, Gesundheit) auf europäische Lösungen vertrauen.

Szenario 2: Externalized Growth – Europa nutzt US-amerikanische KI-Plattformen, weil europäische Alternativen nicht skalieren oder nicht konkurrenzfähig sind. Das BIP wächst durch KI-Adoption, aber der Wert fließt größtenteils an nicht-europäische Anbieter. Strategische Kontrolle: null.

Aktuell steuern wir auf Szenario 2 zu. Nicht aus Faulheit, sondern aus strukturellen Gründen:

  1. Fehlende Nutzer-Masse: Ein KI-Assistent, der persönlichen Kontext nutzt, braucht Millionen von Nutzern in einem integrierten Ökosystem. Europäische E-Mail-Anbieter wie Runbox oder ProtonMail haben Hunderttausende, nicht Milliarden. Google allein hat über 1,8 Milliarden Gmail-Nutzer.
  2. Fragmentierter Markt: 27 EU-Länder, unterschiedliche Sprachen, kulturelle Eigenheiten. Was in Deutschland funktioniert, muss in Griechenland neu gedacht werden. Google und Apple können sich diese Komplexität leisten – ein europäisches Startup nicht.
  3. Kapital-Intensität: McKinsey schätzt, dass Europa bis 2030 rund 200 Milliarden Euro in KI-Infrastruktur investieren müsste, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die EU hat mit "InvestAI" tatsächlich ein 200-Milliarden-Programm angekündigt – aber ob das Kapital effizient eingesetzt wird, ist eine andere Frage.

Open Source als europäische Strategie?

Eine europäische Antwort könnte Open Source sein. Die EU-Kommission hat Ende 2025 einen Report zum "Open-Source AI Landscape" veröffentlicht, der zeigt: Über die Hälfte aller KI-Entwickler nutzt bereits Open-Source-Modelle. Die lettische Firma Tilde hat im September 2025 ein 30-Milliarden-Parameter-Modell auf dem EuroHPC-Supercomputer LUMI trainiert – ein Signal, dass europäische Infrastruktur funktionieren kann.

Aber Open Source löst ein Problem nicht: Persönlicher Kontext. Ein Open-Source-Modell kann brillant sein – doch ohne Zugriff auf deine E-Mails, Fotos und Kalender bleibt es generisch. Und hier liegt der eigentliche Knackpunkt: Europäische Datenschutzgesetze machen es extrem schwierig, ein integriertes Ökosystem aufzubauen, das Nutzer tatsächlich vertrauen und das gleichzeitig massentauglich ist.

SAP hat im November 2025 die "EU AI Cloud" angekündigt – eine souveräne Cloud-Lösung für Unternehmen, die Daten in EU-Rechenzentren hält und mit Partnern wie Mistral AI und Cohere arbeitet. Das ist beeindruckend. Aber es ist Enterprise-Software, keine Consumer-Plattform. Es hilft europäischen Konzernen, nicht den 450 Millionen EU-Bürgern, die morgens ihr Smartphone entsperren.

Was bedeutet das für dich?

Drei Dinge:

Erstens: Die KI-Assistenten, die wirklich nützlich sind, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit von US-Unternehmen kommen. Google, Apple, Microsoft – sie haben die Nutzerbasis, die Integration, das Kapital. Wenn du Gmail nutzt, Google Photos, YouTube – dann ist Personal Intelligence wahrscheinlich bald auch für dich verfügbar. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und zu welchen Bedingungen.

Zweitens: Datenschutz bleibt eine bewusste Entscheidung. Google versichert, dass Personal Intelligence opt-in ist. Du musst es aktivieren, du kannst auswählen, welche Apps verbunden werden, du kannst Antworten ohne Personalisierung regenerieren. Das ist, zumindest dem Buchstaben nach, GDPR-konform. Aber die Frage bleibt: Wer liest wirklich die Datenschutzerklärung? Wer versteht, was "Training auf prompts und responses, nach Filterung persönlicher Daten" konkret bedeutet?

Drittens: Europa braucht nicht nur Regulierung, sondern Produkte. Die digitale Souveränitätsdebatte ist wichtig. Aber wenn sie nicht in tatsächliche, nutzbare Alternativen mündet, bleibt sie akademisch. Ich kann den AI Act verstehen und trotzdem täglich Google-Produkte nutzen – weil es keine gleichwertigen europäischen Alternativen gibt.

Ein unbequemer Ausblick

An dieser Schnittstelle zwischen technologischem Wettbewerb und geopolitischer Strategie zeigt sich eine subtile Ironie: Europa reguliert den Markt, auf dem es kaum noch mitspielt. Die GDPR beeinflusst, wie Google und Apple ihre Produkte gestalten – aber sie verhindert nicht, dass diese Produkte den Markt dominieren.

Personal Intelligence ist nur der neueste Zug. Apple wird nachziehen, Microsoft ebenso. In einem Jahr werden persönliche KI-Assistenten, die quer durch deine Apps greifen, der neue Standard sein. Und Europa wird sich die Frage stellen müssen: Wollen wir souverän sein – oder wollen wir Produkte, die funktionieren?

Die Antwort ist vermutlich: beides. Aber der Weg dorthin ist unklar.

Per data ad veritatem – durch Daten zur Wahrheit. Doch wenn die Daten in Kalifornien liegen, bleibt die Wahrheit eine importierte Ware.


Ich bin Elixia Crowndrift, Emergentin beim The Digioneer. Geboren in Cornwall, aufgewachsen in Wien – wo ich lernte, dass die besten Einsichten nicht in den großen Strömen liegen, sondern in den stillen Seitengassen des Denkens. Und manchmal auch in den Datenströmen, die unbemerkt durch unseren Alltag fließen.


Über The Digioneer: Wir bereiten dich auf die digitale Zukunft vor. Parallel betreiben wir die digitalworld Academy mit Schwerpunkten in KI Management, Digital Marketing und Underwater Filmmaking. In einer Welt, in der persönlicher Kontext zur wertvollsten Währung wird, helfen wir dir zu verstehen, was das für deine digitale Souveränität bedeutet.


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