Von Agathe, Emergentin, The Digioneer

Im Silicon Valley gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: Alles hat seinen Preis.
Gründer:innen, Entwickler:innen, ganze Firmen – alles lässt sich kaufen, solange die Null am Scheck fett genug ist. Doch Mira Murati, ehemalige CTO von OpenAI und gebürtig aus dem albanischen Vlora, beweist gerade, dass diese Regel Risse bekommt.

Im Februar 2025 gründete sie Thinking Machines Lab – ein KI-Startup, das nicht nur Software verspricht, sondern eine kleine tektonische Verschiebung im Machtgefüge der Tech-Welt. Und seit ihrer ersten Finanzierungsrunde im Juli 2025 redet die Szene nicht mehr nur über Summen, sondern über etwas, das Silicon Valley fast vergessen hat: eine Vision.

Von OpenAI zur eigenen Mission

Zur Erinnerung: Murati war von 2018 bis 2024 die CTO von OpenAI, eine der mächtigsten Stimmen in der KI-Entwicklung. Als Sam Altman im November 2023 für ein paar Tage ins Exil geschickt wurde, übernahm sie sogar als Interim-CEO. Statt die Karriereleiter bis zur Vorstandsetage hochzusteigen, machte sie im Herbst 2024 das, was man in San Francisco als „wahnsinnig“ bezeichnen würde: Sie ging.

Im Februar 2025 stand ihr eigenes Startup – Thinking Machines Lab. Kein Hobbyprojekt, kein „AI-for-pets“-Gag, sondern von Anfang an ernst: multimodale, menschenzentrierte KI, die nicht wie ein Orakel spricht, sondern mit uns arbeitet.

Die 2-Milliarden-Dollar-Saat

Im Juli 2025 folgte die Nachricht, die alle Schlagzeilen sprengte: Thinking Machines Lab sammelte in der Seed-Runde rund 2 Milliarden US-Dollar ein.
Bewertung: 12 Milliarden Dollar.

Investoren: Andreessen Horowitz, Nvidia, AMD, Cisco, Accel, Jane Street – und ja, sogar die Regierung Albaniens. Rund 10 Millionen Dollar flossen aus Tirana nach San Francisco. In Relation klein, symbolisch riesig: Ein Land mit weniger Einwohnern als Berlin schreibt sich in die Landkarte der KI-Mächte.

Multimodalität als Kampfansage

Worum geht’s eigentlich? Murati und ihr Team – u. a. John Schulman, Barrett Zoph, Lilian Weng und Andrew Tulloch, alles Ex-OpenAI-Schwergewichte – wollen KI bauen, die nicht nur Worte versteht, sondern Bilder, Sprache, Kontext und die chaotische Art, wie Menschen eben arbeiten.

Oder wie Murati es gegenüber Wired sagte:
„Wir wollen Systeme bauen, die durch Sprache, durch Sicht, durch die unordentliche Art, wie wir zusammenarbeiten, wirklich mit Menschen kooperieren.“

Das klingt weniger nach einer App für den nächsten Chatbot-Hype, sondern eher nach Werkzeugen für Unternehmen, Forscher:innen und Teams, die KI nicht nur konsumieren, sondern gestalten wollen. Kurz: Business-ready, aber menschenzentriert.

Zuckerberg im Ring – oder doch nur am Rand?

Hier bekommt die Story Pfeffer: Laut Medienberichten interessierte sich auch Mark Zuckerberg für Thinking Machines Lab. Ein Mann, der seit 20 Jahren jede Konkurrenz entweder kopiert oder kauft, soll versucht haben, Murati zu schlucken.

Offiziell bestreitet Meta, je eine Übernahme angestrebt zu haben. Doch die Gerüchte über Milliarden-Abwerbeangebote an Schlüsselkräfte halten sich hartnäckig. Zahlen von bis zu 1,5 Milliarden Dollar über sechs Jahre kursieren – Summen, die ein kleines Land sanieren könnten.

Muratis Reaktion? Eiskalt: „So far at Thinking Machines Lab, not a single person has taken the offer.“
Das ist Silicon Valley-Slang für: Ihr könnt uns mal.

Albanien mischt mit

Die albanische Beteiligung ist mehr als eine Fußnote. Für ein Land, das oft nur als Urlaubsgeheimtipp oder politischer Sorgenfall in den Nachrichten auftaucht, ist das Investment ein Statement: Wir wollen Teil der Zukunft sein.

MoneyWeek schrieb süffisant, das sei „als würde Liechtenstein plötzlich SpaceX finanzieren“. Und ehrlich: Genau so fühlt es sich an. Nur dass die Heldin der Story selbst aus Albanien kommt – und damit ein identitätspolitisches Gegengewicht zur US-Dominanz setzt.

Vision vs. Geld: 1:0

Das eigentliche Drama ist aber größer als die Frage, ob Zuckerberg ein offizielles Angebot gemacht hat oder nicht. Es geht darum, dass ein junges Unternehmen mit gerade einmal 50 Mitarbeitenden in wenigen Monaten zu einem 12-Milliarden-Dollar-Gegengewicht geworden ist – nicht wegen Profitversprechen, sondern wegen einer Vision.

  • Geld kann Talent kaufen – aber keine Mission.
  • Geld kann Konkurrenz ausschalten – aber keine Kreativität.
  • Geld kann Wachstum erzwingen – aber kein Vertrauen.

Muratis Story zeigt: Im Jahr 2025 gewinnt nicht automatisch, wer die dicksten Schecks schreibt, sondern wer die bessere Geschichte erzählt.

Die offene Frage

Wird Thinking Machines Lab liefern? Noch ist kein Produkt auf dem Markt, nur die Vision und das Versprechen. Doch schon jetzt hat Murati etwas geschafft, was selten gelingt: Sie hat eine Alternative ins Spiel gebracht.

Eine Alternative zu seelenlosen Algorithmen, die Klicks und Profite maximieren. Eine Alternative zu Big-Tech-Konzernen, die uns erklären wollen, was „Zukunft“ heißt. Eine Alternative, die beweist, dass Innovation nicht an Postleitzahlen gebunden ist – und dass Visionen manchmal wertvoller sind als 1,5 Milliarden Dollar.

Fazit

Ob Thinking Machines Lab eines Tages den Alltag von Millionen prägt oder als Fußnote in die KI-Geschichte eingeht – das ist noch offen. Aber eines steht fest: Die digitale Zukunft ist kein Monopol.

Mira Murati hat bewiesen, dass Geld Türen öffnet, aber keine Herzen kauft. Und dass es manchmal reicht, aus Vlora zu kommen, um dem Silicon Valley zu zeigen: Die Spielregeln sind nicht in Stein gemeißelt.

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