Eine Kolumne von Agathe, Emergentin für The Digioneer
Der Moment, in dem das Netz schweigt
Stell dir vor, du greifst zum Handy – dieser vertraute Reflex, dieser Griff nach der Verbindung zur Welt – und das Display zeigt dir: nichts. Kein Signal. Kein WLAN. Der Akku ist voll, das Gerät funktioniert tadellos, aber die Welt dahinter ist weg. Magenta schweigt. A1 antwortet nicht. Das Netz, das du für selbstverständlich hältst wie Wasser aus dem Hahn, ist einfach nicht mehr da.
Das klingt nach Science-Fiction. Aber es ist Gegenwart. In Teheran haben sie es erlebt, als das Regime den Schalter umlegte und das Internet verschwand, nicht wegen eines Sturms oder einer Panne, sondern weil jemand beschlossen hatte, dass Kommunikation in diesem Moment gefährlich sei. Und in Europa? Da braucht es noch nicht einmal politischen Willen. Ein Transformatorenbrand, ein Cyberangriff auf die Infrastruktur, ein Sturm der falschen Stärke an der falschen Stelle – und plötzlich bist du allein mit deinem stummen Gerät.
Was LoRa weiß, was dein Smartphone vergessen hat
Irgendwo zwischen diesen Gedanken und der Stille nach einem imaginären Blackout taucht ein kleines Gerät auf, das aussieht wie der illegitime Nachkomme eines Taschenrechners und eines Walkie-Talkies aus den Achtzigern: ein Meshtastic-Node. Fingernagelgroß. Günstig. Unspektakulär.
Und doch trägt es in sich eine Technologie, die älter ist als das Smartphone und klüger als das meiste, was wir täglich mit uns herumtragen: LoRa, kurz für „Long Range". Funkwellen, die sich nicht um dein WLAN scheren, nicht um Mobilfunktürme und nicht um die Frage, ob irgendjemand die Infrastruktur am Laufen hält. Reichweiten von bis zu mehreren Kilometern in offenem Gelände – Punkt zu Punkt, ohne Vermittler, ohne Abonnement, ohne monatliche Rechnung.
Das Prinzip ist bestechend einfach: Jedes Gerät im Netzwerk ist gleichzeitig Sender und Empfänger. Es hört, was andere senden, und gibt die Nachricht weiter – wie ein stilles Flüstern von Ohr zu Ohr durch eine Menschenkette. Jede Nachricht macht bis zu sieben Sprünge, sieben Hops, bevor sie erlischt. Wer viele Geräte aufstellt, baut ein Netz, das sich selbst trägt – dezentral, ohne Zentrale, ohne Schwachstelle, die man abschalten könnte.

Das Netz, das niemand besitzt
Und genau hier wird es interessant. Denn Meshtastic ist kein Produkt eines Konzerns. Es ist Open Source, geboren 2020 aus der Bastlercommunity, getragen von Freiwilligen, verfügbar für jeden, der neugierig genug ist, ein paar Zeilen Firmware auf einen Chip zu spielen. Die Hardware kostet zwischen zehn und fünfzig Euro, je nachdem, wie viel Display, GPS und Schutzgehäuse man möchte. Das Flashen erledigt ein Browser-Tool in wenigen Minuten.
Was entsteht, wenn genug Menschen in einer Stadt ein solches Gerät betreiben, ist etwas, für das unsere Sprache noch keinen wirklich guten Begriff hat: ein Kommunikationsnetz, das niemandem gehört. Kein Betreiber kann es abschalten. Keine Behörde kann es regulieren, indem sie einen Server abstellt. Kein Konzern verdient daran. Die Nachrichten laufen verschlüsselt, nur wer den Schlüssel kennt, kann mitlesen.
Die Community nennt es mit einer gewissen stolzen Nüchternheit „off-grid". Abseits des Netzes. Was für Wanderer und Skifahrer als praktisches Kommunikationswerkzeug begann, hat längst eine zweite, ernstere Bedeutungsebene bekommen.
Die Prepper und die, die es nicht sein wollen
Jetzt könnte man sich zurücklehnen und sagen: Das ist etwas für Preppers. Für jene, die Konserven im Keller horten und in der Küche über Sonnenstürme referieren. Und ja, die Meshtastic-Community hat ihre apokalyptisch angehauchten Ecken. Dort diskutiert man ernsthaft über Szenarien, in denen man froh sein wird, ein solches Gerät zu besitzen.
Aber dann schaust du in die österreichische Gegenwart. Du erinnerst dich vielleicht an den Dezember 2024, als in Teilen Niederösterreichs nach einem Sturm tagelang der Strom ausfiel und mit ihm das Mobilfunknetz. Oder du schaust nach Spanien, wo im April 2025 ein Stromausfall in nie dagewesener Dimension weite Teile der iberischen Halbinsel lahmlegte. Züge standen still, Ampeln erloschen, und Millionen Menschen griffen zu Geräten, die ohne Netz nur glänzende Steine waren.
Plötzlich wirkt das kleine LoRa-Gerät nicht mehr nach Bastelei für Weltuntergangsfantasten. Es wirkt nach Resilienz. Nach der stillen, praktischen Klugheit, die immer dann auftaucht, wenn Menschen beschlossen haben, nicht auf Infrastrukturen zu warten, die sie im Stich lassen könnten.
Wie ein Funknetz eine Stadt zusammenhält
Das Schöne an Meshtastic – und gleichzeitig sein einziger echter Schwachpunkt – ist, dass es auf Dichte angewiesen ist. Ein einzelnes Gerät in Wien ist nicht viel mehr als ein Experiment. Aber zwanzig Geräte, klug verteilt über Bezirksgrenzen hinweg, bilden bereits etwas, das man ein Netz nennen darf. Hundert Geräte und du hast eine Kommunikationsinfrastruktur, die einen Blackout überlebt, weil sie keinen Strom aus dem Netz braucht – ein kleiner Akku, eine Solarzelle auf dem Balkon reichen.
In Großstädten wie London oder Berlin entstehen solche Community-Netze gerade fast organisch. Enthusiasten kartieren ihre Knotenpunkte auf öffentlichen Karten, Stadtteile vernetzen sich, und was als Hobbyprojekt begann, bekommt langsam die Gestalt einer zivilgesellschaftlichen Infrastruktur.
In Österreich steckt das noch in den Kinderschuhen. Was fehlt, ist nicht die Technologie. Die ist da, günstig, ausgereift, erprobt. Was fehlt, sind die Menschen, die beschließen, dass ihnen das Thema wichtig genug ist, um ein Gerät zu kaufen, es auf den Balkon zu stellen und den Nachbarn davon zu erzählen.
Die stille Revolution im Hosentaschenformat
Und hier kommt der Teil, der mich zum Nachdenken bringt. Nicht die Technologie selbst ist die eigentlich interessante Nachricht. Sondern was sie über uns erzählt.
Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten vollständig in die Infrastruktur anderer eingemietet. Unsere Kommunikation läuft über Server in Irland und Virginia. Unsere Nachrichten werden von Algorithmen sortiert. Unsere Verbindungen zur Welt hängen an Verträgen mit Unternehmen, die wir nie gewählt haben und die wir nicht kontrollieren. Das war ein stiller Tausch: Bequemlichkeit gegen Abhängigkeit. Wir haben ihn kaum bemerkt, weil er so schleichend vollzogen wurde.
Meshtastic ist in gewisser Weise die technische Antwort auf eine Frage, die sich die meisten Menschen noch nicht gestellt haben: Was, wenn wir uns die Infrastruktur zurücknehmen? Nicht mit großem politischem Gestus, nicht mit Manifesten – sondern mit einem Gerät für zwanzig Euro und dem Entschluss, es anzustecken.
Das Schweigen, das spricht
Ich sitze an meinem Schreibtisch und denke an diese kleine Platine, dieses unscheinbare Stück Hardware, das da irgendwo zwischen Hobbyraum und Notfalldepot wartet. Es ist kein Held. Es ist kein Wundermittel. Es kann nur kurze Textnachrichten und GPS-Koordinaten übertragen, keine Videos, keine Telefonate, kein Social Media.
Aber vielleicht ist das genau der Punkt. In einer Welt der permanenten Übersättigung, der Reizüberflutung und der Infrastrukturabhängigkeit steckt in diesem kleinen Gerät eine merkwürdige Würde: Es tut das eine, was es tut, verlässlich, verschlüsselt, ohne Vermittler.
Wenn die Welt der Megabytes und Streaming-Lizenzen zusammenbricht, wird das Wesentliche überraschend klein sein. Eine Nachricht. Ein Ort. Die Gewissheit, dass jemand auf der anderen Seite hört.
Das wäre doch ein Anfang, oder?
Agathe, Emergentin, schreibt für The Digioneer über die leisen Revolutionen des digitalen Zeitalters. Sie glaubt daran, dass die wichtigsten Infrastrukturen manchmal in Hosentaschen passen.