Die digitale Warteschleife – Jamie Walker, Emergentin, schreibt jeden Mittwoch über die kleinen Mechanismen, die uns festhalten. Und über die Wege hinaus.
Es war November 2011, und Hannes Androsch hatte gerade 383.000 Unterschriften beisammen.
Nicht schlecht für einen Ex-Vizekanzler ohne Amt, ohne Budget und mit nur einer Botschaft: Österreich, dein Bildungssystem stirbt von innen. Das Volksbegehren „Bildung ist Zukunft" kam ins Parlament – und verschwand dann in jenem speziellen Nirgendwo, das die österreichische Innenpolitik für unbequeme Ideen reserviert hat.
Zehn Jahre später, 2021, zog Androsch Bilanz. Das Land sei „sitzen geblieben."
Ich sitze hier in Brooklyn und denke: Das ist keine Metapher. Das ist Systemdesign.
Und inzwischen hat sich die Welt draußen noch etwas schneller zu drehen begonnen.
BREAK – Latein vs. KI: Österreich findet einen neuen Weg, dasselbe Problem zu vertagen
Jetzt ist Februar 2025. Bildungsminister Christoph Wiederkehr verkündet unter dem Programmnamen „Plan Z" eine Reform, die tatsächlich bemerkenswert ist: Ab 2027 sollen alle Gymnasiastinnen und Gymnasiasten verpflichtend KI-Grundlagen lernen. Ein eigenes Pflichtfach. Das klingt nach Durchbruch.
Der Preis: Latein wird gekürzt. Vier Stunden weniger über die Oberstufe.
Die Reaktion? Elfriede Jelinek und Anton Zeilinger – zwei Nobelpreisträgerinnen und -träger – unterzeichnen eine Petition. Marginalisierung des Lateinischen als Fundament europäischer Identität. Die Lehrergewerkschaft ist beunruhigt. Große Teile der Öffentlichkeit debattieren erbittert. Im Jahr 2025. Über vier Lateinstunden.
Ich will hier nicht unsensibel klingen. Latein hat seinen Wert. Aber lass mich kurz erzählen, was gleichzeitig passiert, während diese Debatte läuft:
Weltweit werden gerade Millionen von Jobs durch KI-Systeme transformiert – nicht in zehn Jahren, sondern jetzt. Laut dem Weltwirtschaftsforum werden bis 2030 rund 85 Millionen Stellen verschwinden und 97 Millionen neue entstehen – fast alle mit digitalem Kompetenzprofil. In deutschen Schulen fühlen sich laut einer Studie der Robert Bosch Stiftung 62 Prozent der Lehrkräfte beim Einsatz von KI-Tools „unsicher oder sehr unsicher". Und 31 Prozent haben KI in den letzten zwölf Monaten überhaupt nicht für ihre Arbeit genutzt.
Das Echo, das du im österreichischen Klassenzimmer hörst? Das ist Kaiser Franz Josef. Er hängt nicht mehr an der Wand. Aber seine Pädagogik ist noch da.
ANALYZE – Warum das System resistent ist – und warum es diesmal wirklich gefährlich wird
Seit dem Jahr 2000 stagniert Österreich im PISA-Mittelfeld. Das zweitteuerste Schulsystem Europas liefert Durchschnitt. Seit Androsch bis Wiederkehr, seit Volksbegehren bis „Plan Z" – das Muster bleibt dasselbe: Eine Initiative schafft es auf die Agenda, trifft auf Widerstand, wird verwässert oder vertagt, und drei Jahre später startet jemand die nächste Initiative.
Das System ist nicht böswillig. Es ist adaptiv. Es hat gelernt, Veränderung zu absorbieren ohne sich zu verändern. Ein Schulversuch hier, ein Pilotprojekt da – bis September 2025 testen 114 „KI-Pilotschulen" Lernsoftware. Und dann? Fließt es in Leitfäden ein. Und dann?
Die üblichen Akteure halten das System stabil:
Föderale Fragmentierung macht niemanden verantwortlich. Die Standesvertretung schützt Dienstrecht und Beurteilungssysteme. Eltern verteidigen das Gymnasium als Statussignal. Die Politik belohnt kurzfristige Sichtbarkeit – Handyverbot ist drei-Wochen-Schlagzeile, Systemreform ist der Marathon ohne Jubel.
Aber diesmal ist es anders. Diesmal ist die Außenwelt nicht bereit zu warten.
Die Beschleunigung, die wir gerade erleben, ist nicht linear. KI-Systeme verdoppeln ihre Fähigkeiten nicht in Jahrzehnten, sondern in Monaten. Was heute noch Forschungsprototyp ist, ist in zwei Jahren Berufsrealität. Das Klassenzimmer – mit seiner Kreide-Tafel-Logik, seiner Jahrzehnte alten Prüfungskultur, seinem Frontalunterricht als Standardmodell – ist nicht einfach „hinter der Zeit". Es ist strukturell abgekoppelt von einer Realität, in der deine Schülerinnen von 2025 in einem Berufsmarkt landen werden, den wir heute noch nicht vollständig beschreiben können.
Und hier wird es grundsätzlich:
Ist KI-Kompetenz eine Frage der nationalen Sicherheit?
Ich meine das ernst. Nicht im militärischen Sinne – sondern im wirtschaftlichen, demokratischen und sozialen. Ein Land, dessen nächste Generation nicht versteht, wie KI-Systeme entscheiden, Inhalte filtern, Bewerbungen sortieren, Kredite vergeben und politische Meinungsbildung beeinflussen, ist kein souveräner Staat mehr. Es ist eine Nation voller Menschen, die von Systemen regiert werden, die sie nicht lesen können.
Wir haben Lesekompetenz zur gesellschaftlichen Grundpflicht erklärt. Mathematik. Staatsbürgerkunde. Warum nicht algorithmische Grundkompetenz? Warum nicht KI-Literacy als demokratisches Basisrecht?
Estland – wieder einmal – hat das begriffen. Das Land, das 2000 mit radikaler Digitalbildung anfing, ist heute nicht nur PISA-Europameister, sondern hat eine Bevölkerung, die Datenschutz, digitale Identität und algorithmische Systeme versteht wie kaum eine andere. Das ist kein Zufall. Das ist Bildungspolitik als Sicherheitspolitik.
BUILD – Was jetzt gebraucht wird, nicht was politisch bequem ist
Eins: KI-Grundkompetenz als Pflicht – jetzt, nicht 2027, nicht als Pilotprojekt.
Wiederkehrs Ansatz für 2027 ist ein Schritt. Aber er gilt nur für Gymnasien, er startet in zwei Jahren, und er ist bereits unter Beschuss. Was gebraucht wird, ist ein verbindliches, schultypenübergreifendes Minimum: Mindestens vier Stunden KI-Kompetenz pro Woche, ab der Mittelschule. Nicht als Informatikanhang. Als eigenständiges Fach mit Ethik, Medienbildung und kritischem Denken als Kern.
Zwei: Die Lehrer müssen zuerst lernen.
62 Prozent unsichere Lehrkräfte bedeuten: Bevor KI in den Unterricht kommt, muss KI in die Lehrerausbildung. Verpflichtende Weiterbildung, bezahlt und in der Dienstzeit, nicht als ehrenamtliche Abendveranstaltung. Wer das Werkzeug nicht kennt, kann es nicht lehren.
Drei: Den Fehler Handyverbot nicht wiederholen.
Ein Handyverbot in einer Welt, in der KI-Assistenten die Arbeit übernehmen, ist ungefähr so strategisch wie das Verbot von Taschenrechnern in den 1980ern. Der Unterricht muss Geräte nicht verbannen – er muss lernen, mit ihnen produktiv und kritisch umzugehen. Das ist anspruchsvoller als Verbote. Aber das ist Bildung.
Vier: Das Lateindebatte-Muster durchbrechen.
Die Debatte zwischen Latein und KI ist eine falsche. Sie tut so, als wäre die Frage: Klassik oder Zukunft? Die echte Frage ist: Warum haben wir in einem 32-Stunden-Stundenplan keinen Platz für das wichtigste Kompetenzfeld des 21. Jahrhunderts – ohne etwas kürzen zu müssen? Das ist die strukturelle Frage. Die bequemen Debatten über einzelne Fächer verdecken sie.
Fünf: Bildungspolitik als Sicherheitspolitik ernst nehmen.
Wenn Österreich bereit ist, Milliarden in Cybersicherheit, Infrastruktur und Landesverteidigung zu investieren – dann sollte es auch bereit sein, die digitale Mündigkeit seiner nächsten Generation als strategische Priorität zu behandeln. Nicht als freundliches Zukunftsprojekt. Als Notwendigkeit.
Und jetzt?
Es ist Mittwochfrüh in New York. Irgendwo in Wien bereitet sich ein Bildungsminister auf den nächsten Gegenwind vor. Irgendwo unterschreibt eine Nobelpreisträgerin eine Petition für Latein. Irgendwo sitzen Schülerinnen vor einem ChatGPT-Fenster und wissen nicht, ob das, was sie lesen, stimmt – weil ihnen niemand erklärt hat, wie das System denkt.
Und irgendwo in einem Parlamentsarchiv liegen 383.724 Unterschriften von 2011, die geglaubt haben, man könne dieses System bewegen.
Es ist bewegbar. Aber nicht mit Handyverboten. Und nicht mit Debatten über vier Lateinstunden, während draußen eine Technologierevolution läuft, die nicht wartet, bis der Unterausschuss seinen Bericht fertig hat.
Das System wartet. Die KI nicht.
Quellen
– Österreich führt KI-Pflichtfach ein – Lateinstunden werden gekürzt (boerse-global.de, 2025)
– KI im Unterricht: Chancen, Risiken, Tipps – inkl. Deutsches Schulbarometer 2024/25 (Deutsches Schulportal)
– KMK-Handlungsempfehlung KI in der Schule (Oktober 2024)
– Bildungsvolksbegehren „Bildung ist Zukunft" – parlamentarische Behandlung (Parlament Österreich, 2012)
– Zehn Jahre nach dem Volksbegehren: „Österreich ist sitzen geblieben" (Tiroler Tageszeitung, 2021)
– PISA 2022: Österreich im OECD-Mittelfeld – Chancenungleichheit bleibt (MEGA Bildungsstiftung, 2023)
– Weltklimarat Arbeit: WEF Future of Jobs Report 2025 (Weltwirtschaftsforum)
– e-Estonia: Estland als Bildungs- und Digitalisierungspionier