Die digitale Warteschleife – Jamie Walker, Emergentin, schreibt jeden Mittwoch über die kleinen Mechanismen, die uns festhalten. Und über die Wege hinaus.
Es gibt diese urbane Legende, die vor ein paar Jahren noch durch viele Wohnzimmer geisterte: „Die wollen uns das Internet abschalten!" Meine Mutter hat damals sogar überlegt, ob sie ihre Festplatte ausdrucken sollte. Ich hab gelacht. Wir haben alle gelacht.
Jetzt sitze ich hier in Brooklyn, scrolle durch die Meldungen aus dem Iran – seit über zwei Wochen totaler Internet-Blackout – und das Lachen bleibt mir im Hals stecken. Weil die Frage nicht mehr ist: „Kann man das Internet abschalten?"
Die Frage ist: „Wer hat bei euch den Schalter – und was hält ihn davon ab, ihn zu drücken?"
BREAK – Als die Lichter ausgingen
Iran, 8. Januar 2026. Die Regierung steht unter Druck. Massive Proteste gegen Inflation, wirtschaftliche Not, den Wertverlust der Währung. Menschen gehen auf die Straße, in vielen Städten gleichzeitig. Und dann passiert etwas, das in Europa immer noch undenkbar scheint: Das Internet verschwindet. Nicht langsam. Nicht teilweise. Komplett.
Laut Messungen von Cloudflare und NetBlocks fiel die Konnektivität praktisch auf null. Mobilfunk tot. Festnetz tot. Keine WhatsApp, kein Signal, keine Bilder von Demonstrationen. Geldautomaten funktionierten nicht mehr. Elektronische Systeme im Alltag: eingefroren. Die Welt sah nicht mehr zu.
Die iranische Regierung hatte das Land einfach vom Netz getrennt – wie man einen Stecker zieht. Seit über zwei Wochen. Und niemand weiß, wann es wieder angeht.
Wir in Europa haben darauf geschaut und uns beruhigt zurückgelehnt: „Bei uns geht das nicht. Wir haben dezentrale Strukturen. Das Internet ist designed, um Ausfälle zu überleben."
Stimmt das?
Nein.
ANALYZE – Warum wir anfälliger sind, als wir zugeben wollen
Lass uns ehrlich sein: Das Internet ist nicht dieser mystische, unzerstörbare Schwarm, als den wir es uns gern vorstellen. Es ist Infrastruktur. Und Infrastruktur hat Besitzer, Betreiber und Sollbruchstellen.
1. Die Zentralisierung ist schon da
Ja, das Internet wurde dezentral gedacht. Aber heute laufen 70% des deutschen Internetverkehrs über gerade mal drei große Carrier (Deutsche Telekom, Vodafone, Telefónica). In Österreich ist es noch konzentrierter: A1, Magenta, Drei – das war's im Wesentlichen.
Ein zentraler Befehl an diese Unternehmen? Reicht theoretisch aus.
Der Iran zeigt, wie es geht: Der Staat kontrolliert zentral die wichtigsten Teile der digitalen Infrastruktur. Behörden können so den Datenverkehr sehr schnell blockieren – sowohl ins Ausland als auch innerhalb des Landes. Traffic fällt auf null. Und bleibt dort.
2. Die Rechtsgrundlage existiert bereits
Deutschland hat das IT-Sicherheitsgesetz (BSI-Gesetz), das bei „Gefahr für die innere Sicherheit" weitreichende Eingriffe erlaubt. Österreich hat das Telekommunikationsgesetz (TKG), das Providern Pflichten auferlegt, die im Krisenfall aktiviert werden können.
Was fehlt? Ein klares Verbot, das Internet als Ganzes abzuschalten. Was vorhanden ist? Grauzone.
3. Der Notstand als Joker
Wenn ein Staat den Ausnahmezustand erklärt – sei es wegen Terrorismus, Pandemie oder „innerer Unruhen" – dehnen sich die Kompetenzen von Innenministerien und Sicherheitsbehörden dramatisch aus. Das haben wir während COVID gesehen: Was vorher unmöglich schien, wurde per Verordnung Realität.
Ein Internet-Shutdown? In einer echten Krise? Keine Science-Fiction.
4. Die internationale Vorlage
Der Iran 2026 war kein Einzelfall. Myanmar (2021), Äthiopien (2020), Weißrussland (2020), Indien (Kashmir, seit 2019 über 200 Shutdowns) – die Liste wird länger, nicht kürzer. Und die Methoden werden professioneller.
Was früher ein paar Stunden dauerte, läuft jetzt über zwei Wochen. Was früher Social Media blockierte, legt jetzt Geldautomaten und Alltagssysteme lahm. Die Technologie wird präziser, die Kontrolle totaler.
Wir schauen zu und tun so, als wären wir immun. Sind wir nicht.
BUILD – Was wir tun können, damit der Schalter nicht existiert
Also, was jetzt? Panik? Bunker mit Offline-Wikipedia? Nein. Aber Naivität können wir uns nicht mehr leisten. Hier ist, was passieren muss – sofort:
1. Ein gesetzliches Abschaltverbot – hart und klar
Europa braucht ein Internet Shutdown Prevention Act. Der Kern: Das Abschalten des Internets ist grundrechtswidrig und darf auch im Notstand nicht pauschal erfolgen – nur in extrem engen, gerichtlich überprüfbaren Grenzen (z.B. Abschaltung spezifischer Netzwerke bei konkreten Cyberangriffen).
Das muss ins Grundgesetz. In eure Bundesverfassung. Europaweit. Nicht verhandelbar.
2. Dezentralisierung – echt, nicht nur auf dem Papier
Wir brauchen kommunale Netzwerke, Mesh-Technologien, Bürger-ISPs. Projekte wie Freifunk sind ein Anfang – aber sie müssen staatlich gefördert, nicht behindert werden.
Warum? Weil die aktuelle Struktur ein perfektes Ziel für jeden Shutdown ist. Wenn 70% unseres Traffics durch drei große Carrier laufen, braucht es nur drei Anrufe vom Innenministerium – einer an die Telekom, einer an Vodafone, einer an Telefónica – und der Großteil unseres Internets ist weg.
Je mehr unabhängige Netze es gibt, desto schwerer wird die Kontrolle.
Stell dir vor: Hunderte kleine, lokale Netzwerke. Community-ISPs in Städten. Mesh-Netze, die von Dach zu Dach funken. Universitäten mit eigener Infrastruktur. Dann müsste ein Staat nicht drei Telefonate führen, sondern Hunderte. Oder Tausende. Und selbst dann würden Teile des Netzes weiterlaufen.
Das ist keine Utopie – das ist technisch längst möglich. Estland hat vorgemacht, wie digitale Infrastruktur dezentral und resilient gebaut werden kann. Freifunk zeigt, dass es auch ohne Konzerne geht.
Was fehlt? Politischer Wille. Und Geld. Beides ist lösbar.
3. Transparenzpflicht für Provider
Telekommunikationsanbieter müssen verpflichtet werden, jeden Shutdown-Befehl öffentlich zu machen – in Echtzeit. Wer das Netz drosselt oder abschaltet, muss das öffentlich begründen, mit Rechtsgrundlage, mit Zeitrahmen, mit parlamentarischer Kontrolle.
Kein Versteckspiel mehr. Keine „nationale Sicherheit" als Blanko-Vollmacht.
4. Internationale Abkommen mit Zähnen
Die EU sollte ein Shutdown-Monitoring-System aufbauen – ähnlich wie NetBlocks, aber mit diplomatischen Zähnen. Staaten, die das Internet abschalten, verlieren Zugang zu EU-Fördermitteln, Technologie-Exporten und Handelsvorteilen.
Und ja: Das gilt auch für EU-Mitgliedsstaaten.
5. Deine persönliche Exit-Strategie
Du kannst nicht auf den Staat warten. Was kannst du heute tun?
- Lerne Mesh-Netzwerke kennen (z.B. Briar, Bridgefy – Apps, die ohne Internet funktionieren)
- Sichere deine Daten offline (verschlüsselte Backups, physische Speicher)
- Nutze VPNs und Tor (macht Shutdowns schwieriger, nicht unmöglich, aber es ist ein Anfang)
- Engagiere dich lokal (unterstütze Freifunk, Community-Netze, dezentrale Infrastruktur)
- Sprich darüber – denn solange niemand davon ausgeht, dass es passieren kann, wird niemand verhindern, dass es passiert
Und jetzt?
Die Sonne geht hier gerade auf. Die Müllabfuhr rasselt durch die Straße, ein paar Leute joggen am East River entlang, und irgendwo in Midtown wacht das Internet auf – Glasfaserkabel, die Milliarden von Datenpaketen durch die Stadt jagen.
Alles wirkt so stabil. So unverzichtbar. So selbstverständlich.
Aber genau das dachten die Menschen im Iran auch. Bis zum 8. Januar 2026. Bis es weg war. Seit über zwei Wochen.
Wir können das Internet nicht „einfach löschen" – noch nicht. Aber die Infrastruktur, die Gesetze, die Präzedenzfälle? Die bauen sich gerade auf, Stück für Stück, weltweit. Und wenn wir warten, bis es zu spät ist, werden wir feststellen: Der Schalter war die ganze Zeit da. Wir haben nur nicht hingeschaut.
Die Frage ist nicht, ob es passieren kann.
Die Frage ist, ob wir bereit sind, dafür zu sorgen, dass es nicht passiert.
Denn wenn das Internet weg ist, wartet niemand mehr in der Warteschleife.
Dann ist die Leitung tot.
Quellen
– t3n: Internet-Blackout im Iran – Kann Deutschland das Netz abschalten?
– Wikipedia: 2026 Internet blackout in Iran
– Cloudflare Blog: What we know about Iran's Internet shutdown
– heise online: Iran – Totale Internetblockade seit einer Woche
– BSI-Gesetz: IT-Sicherheitsgesetz Deutschland
– Bundesnetzagentur: Marktanteile Telekommunikation
– Freifunk: Community-Netzwerke in Deutschland