Oder: Wie ein Vogelfutterautomat mit Kamera zum Testfall wurde für die Frage, wo digitale Kontrolle beginnt und wo sie endet
Es gibt Momente in der Geschichte des digitalen Wandels, in denen sich die großen Fragen unserer Zeit in absurd kleinen Objekten kristallisieren – und dieser Moment gehört definitiv dazu. Ein Futterautomat. Mit Kamera. Für Vögel. Verkaufsverbot. Gerichtsverhandlung. Aufhebung. Was auf den ersten Blick wie eine skurrile Randnotiz klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als präzise Momentaufnahme jener Zerrissenheit, in der sich die EU - konkret Deutschland derzeit befindet: zwischen dem Wunsch nach digitaler Souveränität und der Unfähigkeit, diese auch nur begrifflich zu fassen.
Die Akte „1 L 2838/25" – oder: Der Staat gegen den Napf
Schauplatz Köln, April 2025. Die Bundesnetzagentur verhängt ein Verkaufsverbot. Nicht gegen eine Abhörwanze. Nicht gegen einen Staatstrojaner im Consumer-Gewand. Sondern gegen einen Futterautomaten mit integrierter Kamera und WLAN-Funktion. Die Begründung folgte jener Logik, die man als „präventive Panik" bezeichnen könnte: Wo eine Kamera ist, könnte Missbrauch sein. Wo WLAN ist, könnte Spionage sein. Wo China ist – denn daher stammte das Gerät mutmaßlich –, ist das Böse ohnehin schon eingebaut.
Das Verwaltungsgericht Köln sah das anders. In seiner Entscheidung (Az. 1 L 2838/25) hob es das Verkaufsverbot auf – nicht etwa, weil es die Risiken digitaler Überwachung grundsätzlich negierte, sondern weil es zwischen diffuser Angst und konkreter Gefahr zu unterscheiden vermochte. Ein Futterautomat, der seiner Besitzerin per App mitteilt, welche Vögel gerade fressen, ist keine Spionageinfrastruktur. Er ist ein Produkt. Mit Funktionen. Die man nutzen kann oder auch nicht.
Das Urteil zum herunterladen und lesen:
Das Paradox der Kontrolle
Und dennoch ist die Entscheidung der Bundesnetzagentur kein bloßer Irrtum gewesen. Sie ist Symptom einer Gesellschaft, die sich in einem Zustand permanenter digitaler Hypochondrie befindet: Jedes Gerät könnte gefährlich sein. Jede Verbindung könnte kompromittiert sein. Was dabei verloren geht, ist die Fähigkeit zur Differenzierung – jene Tugend, die Thomas Mann einst als „Ironie der Intelligenz" beschrieb: die Fähigkeit, zwei widersprüchliche Wahrheiten gleichzeitig zu halten, ohne an ihnen zu zerbrechen.
Denn ja: Es gibt legitime Gründe, chinesische Technologie kritisch zu betrachten. Die digitale Souveränitätsdebatte in Europa, die dokumentierten Fälle von Backdoors in Netzwerkinfrastruktur – all das ist real. Aber ein Futterautomat ist kein Huawei-Router im Mobilfunknetz. Er ist nicht Teil kritischer Infrastruktur. Er füttert Vögel. Und filmt dabei, wenn man das möchte.
Die Bundesnetzagentur scheint diese Unterscheidung nicht mehr treffen zu können. Stattdessen herrscht jene institutionelle Paranoia: die systematische Unfähigkeit, zwischen Signal und Rauschen zu unterscheiden, weil man Angst hat, im Rauschen könnte doch ein Signal versteckt sein.
Die eigentliche Frage: Ist der Futterautomat gefährlich – oder sind wir es?
Die Frage ist nicht, ob der Futterautomat zur Spionage genutzt werden könnte. Natürlich könnte er das. Jedes Gerät mit Kamera und Internetverbindung kann dazu missbraucht werden. Die Frage ist vielmehr: Ist diese theoretische Möglichkeit Grund genug für ein Verkaufsverbot? Und wenn ja: Warum dann nicht auch bei Smartphones? Bei Laptops? Bei Smart-TVs?
Die Antwort des Verwaltungsgerichts Köln lautet implizit: Nein. Nicht die theoretische Möglichkeit ist der Maßstab, sondern die konkrete Gefahr. Und die setzt voraus, dass man nachweist, dass ein Produkt tatsächlich so konstruiert ist, dass es Daten unerlaubt abgreift. Dieser Nachweis wurde nicht erbracht. Also fiel das Verbot.

Das ist rechtsstaatlich korrekt. Und es ist digital naiv. Denn natürlich kann man nicht bei jedem IoT-Gerät im Labor nachweisen, ob es heimlich Daten sendet. Die Komplexität moderner Software, die Intransparenz chinesischer Lieferketten, die fehlenden europäischen Standards – all das macht eine Prüfung praktisch unmöglich. Was das Gericht also sagt, ist im Grunde: Wir können euch nicht schützen, also dürft ihr kaufen, was ihr wollt.
Die Illusion der Kontrolle
Hier offenbart sich das eigentliche Drama: Weder die Bundesnetzagentur noch das Verwaltungsgericht haben die Macht, uns vor den Risiken vernetzter Technologie zu schützen. Die eine reagiert mit präventiver Verbotswut, das andere mit rechtsstaatlicher Zurückhaltung – aber beide Ansätze lösen das Problem nicht.
Denn das Problem ist nicht der Futterautomat. Das Problem ist, dass wir in einer Welt leben, in der wir von Geräten umgeben sind, deren Innenleben wir nicht verstehen, deren Hersteller wir nicht kennen, deren Infrastruktur wir nicht kontrollieren.
Die eigentliche Frage lautet also nicht: „Ist dieser Futterautomat sicher?" Die eigentliche Frage lautet: „Warum haben wir keine Institutionen, die uns diese Frage verlässlich beantworten können?" Und die noch größere Frage: „Warum produzieren wir diese Geräte nicht selbst?"
Die Antwort darauf führt zurück zu jener Wahrheit, die in diesem Magazin immer wieder durchschimmert: Der digitale Wandel ist keine Frage der Technologie. Er ist eine Frage der Macht. Und Macht bedeutet: die Fähigkeit, Dinge selbst herzustellen, statt sie nur zu konsumieren. Standards zu setzen, statt sie zu befolgen. Märkte zu gestalten, statt auf ihnen herumgeschubst zu werden.
Fazit: Der Futterautomat als Menetekel
Der Futterautomat mit Kamera ist kein Spionagegerät. Er ist ein Symbol. Ein Symbol dafür, dass Deutschland – und Europa – die Kontrolle über die digitale Gegenwart verloren haben und nicht wissen, wie sie zurückzugewinnen wäre. Die Bundesnetzagentur verbietet ihn, weil sie Angst hat. Das Gericht hebt das Verbot auf, weil es keine Beweise gibt. Und währenddessen steht der Futterautomat in irgendeinem deutschen Garten, verbindet sich mit einem chinesischen Server, und niemand weiß, was dort passiert.

Ist das gefährlich? Wahrscheinlich nicht. Ist es ein Problem? Auf jeden Fall. Denn es zeigt: Wir haben die Fähigkeit verloren, die Geräte zu verstehen, die unseren Alltag organisieren. Und solange das so bleibt, werden wir weiterhin zwischen hysterischen Verboten und naiver Freiheit oszillieren – unfähig, jene souveräne Haltung einzunehmen, die Thomas Mann einst als „skeptische Aufgeklärtheit" bezeichnet hätte.
Bist du bereit für die Zukunft? Falls nicht: Der erste Schritt wäre, zu verstehen, dass sie schon längst begonnen hat. Im Futternapf deiner Vögel. Mit Kamera. Und WLAN.
Mik Soda schreibt für The Digioneer über die Frage, wie wir digitale Souveränität zurückgewinnen können – oder ob wir sie nie hatten.