Ich sitze im tewa am Karmelitermarkt, vor mir ein großer Brauner, und scrolle durch die frischen Zahlen der Statistik Austria: 8,8 Millionen Campingübernachtungen in Österreich 2025. Ein fünftes Rekordjahr in Folge. In Deutschland waren es 42,9 Millionen Nächtigungen, europaweit kratzen wir an den 407 Millionen. Der Camping-Markt wächst mit 7,23 Prozent jährlich – während Hotels und Pensionen immer noch nicht ihr Vor-Corona-Niveau erreicht haben.

Am Nebentisch diskutiert ein junges Paar über Wohnmobile. Sie zeigen einander auf dem Handy Modelle, sprechen von Freiheit und Flexibilität. Über 6,5 Millionen Freizeitfahrzeuge sind mittlerweile auf Europas Straßen unterwegs. Allein 2025 wurden 221.000 neue zugelassen.

Die Tourismuspsychologie unterscheidet zwischen “Push- und Pull-Faktoren”. Push: was uns von zu Hause wegtreibt. Pull: was uns woanders hinzieht. Aber wenn ich die aktuellen Studien durchgehe, dominiert eindeutig das Push. 68 Prozent der Deutschen nennen “Abstand vom Alltag” als wichtigstes Reisemotiv. Nicht “Neugier”, nicht “Spaß” – sondern Flucht.

Die Forschung zeigt: Je unzufriedener Menschen mit ihrer Lebenssituation sind, desto stärker ist ihre Reisemotivation. Man unterscheidet zwischen “Hin-zu-Motiven” (Suche nach Erfahrungen, emotionale Bereicherung) und “Weg-von-Motiven” (Flucht aus dem unbefriedigenden Alltag). Und aktuell? Übertönt das “Weg-von” alles andere.

Schauen wir uns diesen Alltag doch mal genauer an: Klimakrise mit ihren ständig neuen Kipppunkten. Geopolitische Spannungen, die wöchentlich eskalieren. Eine Wirtschaft zwischen Inflation und Rezession. Eine Arbeitswelt, die durch KI fundamental umgekrempelt wird. Tourismusexperten sprechen von “Weg-von”-Motivation als Selbsterhaltungstrieb. Reisen als Form der Selbstverteidigung gegen eine Welt, die zu viel von uns verlangt.

In dieser permanenten Ungewissheit bietet das Campen etwas Paradoxes: eine kontrollierte Unkontrolliertheit. Man entscheidet selbst, wo man steht, wie lange man bleibt, wann man weiterfährt. Man trägt sein Zuhause mit sich herum – eine mobile Sicherheitszone in unsicheren Zeiten.

Die Zahlen sprechen eine brutale Sprache: Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Österreich sinkt auf 3,7 Tage, während die Zahl der Check-ins steigt. Wir campen häufiger, aber kürzer. Permanent unterwegs, nirgendwo wirklich lange. Das klingt weniger nach Erholung als nach Rastlosigkeit.

Und hier wird es interessant: Die Urlaubsforschung hat nämlich längst herausgefunden, dass wir uns mit dieser Strategie selbst betrügen. Psychologische Studien zeigen: Der Erholungseffekt eines Urlaubs ist innerhalb einer Woche wieder verschwunden. Egal wie lange die Auszeit war.

Bei Kurzurlaubern war der Effekt am dritten Tag nach der Rückkehr vorbei. Selbst bei Langzeiturlaubern mit durchschnittlich 23 Tagen Auszeit: Nach spätestens einem Monat war das Wohlbefinden wieder auf dem Ausgangsniveau. Finnische Forscher haben den Höhepunkt der Erholung am achten Urlaubstag gemessen – danach kreisen die Gedanken bereits um die Heimreise, was neuen Stress auslöst.

Das Perfide: Wir wissen das. Unbewusst zumindest. Darum die immer kürzeren Aufenthalte. Darum die Explosion des Wintercampings (in Österreich plus 13 Prozent im November und Dezember 2025). Wir versuchen verzweifelt, den sogenannten Fade-Out-Effekt zu überlisten, indem wir öfter fahren. Wie Süchtige, die ihre Dosis erhöhen müssen, um denselben Kick zu spüren.

Urlaubsforscher erklären: Feierabend und Wochenende reichen oft nicht mehr, um sich vom Arbeitsstress zu erholen und abzuschalten. Aber hier ist der Witz: Wenn schon das Wochenende nicht mehr reicht – warum sollte dann ein Drei-Tage-Campingtrip reichen?

Die Wahrheit ist: Wir campen nicht, um uns zu erholen. Wir campen, um der Illusion von Kontrolle willen. Wenn die Welt zu komplex wird, zu schnell, zu unberechenbar, dann reduzieren wir auf das Wesentliche: Vier Wände auf Rädern, ein Stellplatz, ein Gaskocher. Das kann man überblicken, das kann man steuern. Das Zelt als Rückzugsort in eine überschaubare Welt.

Corona war nur der Katalysator. Die Pandemie hat uns gelehrt, dass unsere vermeintlich stabile Welt binnen Wochen komplett kippen kann. Und diese Lektion haben wir verinnerlicht. Studien zur Reisemotivation nach der Pandemie zeigen: 32 Prozent haben Deutschland als Reiseziel schätzen gelernt – nicht aus Heimatliebe, sondern aus Sicherheitsbedürfnis. Näher, kontrollierbarer, jederzeit abbrechbar.

Die Camping-Industrie verkauft uns das als “Freiheit”. Aber schauen wir uns an, was nach dieser “Freiheit” passiert: Die Forschung kennt das “Post-Holiday-Syndrom” oder die “Leisure Sickness”. Studien zeigen: Drei Prozent der Menschen werden regelmäßig im Urlaub krank – Kopfschmerzen, grippale Infekte, sogar Depressionen. Der Körper, unter permanenter Anspannung gehalten, bricht zusammen, sobald wir loslassen.

Und wenn nicht? Wenn wir “erfolgreich” Urlaub gemacht haben? Dann wartet der Fade-Out-Effekt. Arbeitspsychologische Forschung zeigt: Die Effekte eines Urlaubs halten maximal drei Wochen an, manchmal nur eine Woche. Der Langzeiteffekt ist nicht größer, wenn man lange Urlaub macht. Was bleibt, ist die Erinnerung – und psychologische Studien zeigen, dass wir diese Erinnerungen systematisch verklären. Im Nachhinein war alles schöner, als wir es im Moment empfunden haben.

Das ist das eigentliche Drama: Wir leben von verklärten Erinnerungen an eine Erholung, die nie wirklich stattgefunden hat, während wir bereits die nächste Flucht planen. Die 42 Prozent der Deutschen, die 2025 Urlaub in Ländern mit günstigeren Lebenshaltungskosten planen, suchen nicht Abenteuer – sie suchen Aufschub. Aufschub der Konfrontation mit einer Realität, die ihnen zu viel wird.

Der anhaltende Camping-Boom ist keine Rückkehr zur Normalität, sondern die Anpassung an eine neue Realität permanenter Instabilität. Das Zelt ist zur Metapher geworden: temporär, anpassungsfähig, jederzeit abbaubar. Genau so fühlt sich mittlerweile alles an – Jobs, Beziehungen, Zukunftspläne.
Warum also nicht auch im Urlaub?

P.S. Während ich das schreibe, hat das Paar am Nebentisch einen Wohnmobilhändler angerufen. “Nein, nicht für später”, höre ich die Frau sagen. “Wir wollen das Ding schon nächste Woche haben.” Ich verstehe sie. Und genau das ist das Problem.

Quellen:

∙ Statistik Austria / Österreichischer Camping Club: Camping-Nächtigungen Österreich 2025
∙ Mordor Intelligence: Europe Camping and Caravanning Market Analysis 2024-2029
∙ Bundeszentrale für politische Bildung (bpb.de): “Warum Reisen?” (2021)
∙ Spektrum der Wissenschaft: “Urlaubspsychologie: Geballte Erholung?” (2012)
∙ Universität Tampere (Finnland): Studie zur optimalen Urlaubsdauer
∙ ADAC Tourismusstudie 2025
∙ BAT-Stiftung für Zukunftsfragen: Tourismusanalyse 2024​​​​​​​​​​​​​​​​

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