Stell dir vor, du stehst um halb sechs Uhr morgens am Flughafen Wien-Schwechat. Terminal 3, Abflug Richtung San Francisco. Ein Rollkoffer, ein Laptop, dreizehn Jahre Unternehmergeschichte im Rücken – und in der Jackentasche ein One-Way-Ticket. Nicht weil das Leben in Wien schlecht war. Sondern weil die Alternative – hier zu bleiben und auf einen Unterausschuss zu warten, der irgendwann vielleicht irgendetwas entscheidet – keine echte Alternative ist.
Das Geräusch, das Europa dabei macht? Rollkoffern auf Asphalt. Es ist das leise, gleichmäßige Geräusch des kontinentalen Abstiegs.
BREAK – Das schnellste GitHub-Projekt aller Zeiten verlässt Europa
Falls du noch nicht gehört hast: Peter Steinberger ist weg. Der Oberösterreicher, der 13 Jahre lang PSPDFKit aufgebaut hat und danach in einem Selbstversuch einen KI-Agenten namens OpenClaw erschuf – das laut Entwickler-Community am schnellsten wachsende GitHub-Projekt aller Zeiten – verlässt Wien und tritt eine Stelle bei OpenAI an. Sein Auftrag, in den Worten von CEO Sam Altman: „die nächste Generation persönlicher Agenten vorantreiben." Altman nennt ihn öffentlich ein „Genie".
Und die Konkurrenz? Mark Zuckerberg persönlich, via WhatsApp, mit einer getesteten Demo von OpenClaw in der Hand. Satya Nadella von Microsoft meldet sich ebenfalls. Innerhalb von Stunden nach dem viralen Moment schlug die gesamte amerikanische Tech-Elite auf.
Europa? Europa schwieg. – Das ist keine belegbare Aussage Steinbergers selbst, aber Fact-Check: In seinem öffentlichen Blogpost erwähnt er keinen einzigen europäischen Gesprächspartner. Kein Anruf, keine E-Mail, kein öffentliches Signal – weder von Mistral-Chef Arthur Mensch, noch von einem staatlichen Digitalfonds, noch von irgendeiner europäischen Institution. Was nicht dokumentiert ist, muss man als Schweigen deuten, nicht als Zufall. Steinberger verbrachte eine Woche in San Francisco, traf sich mit den größten Laboren der Welt, bekam Zugang zu unveröffentlichter Forschung – und kehrte nicht zurück. Warum auch?
„Was ich will, ist die Welt verändern, nicht ein großes Unternehmen aufbauen", schrieb er in seinem Abschiedspost. „Die Zusammenarbeit mit OpenAI ist der schnellste Weg, das für alle möglich zu machen."
Nicht das Geld. Die Geschwindigkeit.
ANALYZE – Das strukturelle Schweigen
Lass uns klar sein: Das ist kein Ausnahmefall. Steinberger ist das sichtbare Gesicht eines Musters, das Europa schon seit Jahren produziert – und hartnäckig ignoriert.
Vor ihm verließen KI-Talente wie Eric Steinberger und Sebastian De Ro (Magic) Wien und andere europäische Städte Richtung Silicon Valley. Die Koska-Brüder mit SF Tensor. Weitere folgen. Europe is applauding itself. America is building. Dieser Satz des LinkedIn-Kommentars von Martin Gabriel klingt wie ein schlechter Witz – und ist trotzdem präziser als jedes Strategiepapier, das je in Brüssel produziert wurde.
Und jetzt kommt die Pointe, die wirklich wehtut: Das Land, in das Steinberger gegangen ist, ist nicht mehr das Land, das es mal war. Während Europa zuschaut und applaudiert, baut Amerika gerade etwas ganz anderes – und nicht nur Technologie.
Laut Brookings Institution hat die Trump-Regierung seit Jänner 2025 rund 540.000 Menschen abgeschoben. Im Jänner 2026 erschoss ein DHS-Agent in Minneapolis Renée Good, 37 Jahre alt, US-Staatsbürgerin, bei einem Einwanderungseinsatz. Eine private Autopsie stellte fest, dass Good durch mehrere Schüsse starb; forensisch wurde die Todesart als Homizid eingestuft – das ist die medizinische Klassifikation „durch eine andere Person getötet", keine strafrechtliche Verurteilung, aber ein Befund mit Gewicht. Im selben Monat bestätigten zwei Whistleblower gegenüber dem US-Kongress die Existenz eines ICE-Memos aus Mai 2025, das Agenten anweist, Wohnungen ohne richterlichen Beschluss zu betreten – laut Verfassungsrechtlern und einem zuständigen Bundesrichter ein Verstoß gegen den Vierten Zusatzartikel. Die Städte Minneapolis und Saint Paul sowie der Generalstaatsanwalt von Minnesota haben dagegen Klage eingereicht. Human Rights Watch dokumentiert im Jahresbericht 2026 einen Abbau rechtsstaatlicher Kontrollmechanismen und warnt vor einer gefährlichen Bewegung Richtung Autoritarismus. Was in Minneapolis im Jänner herrschte, war – und das ist meine Wertung, keine Rechtskategorie – der Ausnahmezustand in der Praxis: Schulen im Lockdown, Geschäfte geschlossen, die Polizei im Überstundenmodus wegen der Einsätze maskierter föderaler Agenten.
Und trotzdem geht Steinberger dorthin. Nicht weil Amerika gut ist. Sondern weil Europa noch schlechter ist – in der einzigen Währung, die für Macher wirklich zählt: Geschwindigkeit.
Das ist kein Ruhmesblatt für San Francisco. Das ist ein Armutszeugnis für Wien, Berlin und Brüssel.
Das Problem ist nicht das Geld allein, auch wenn Kapital eine Rolle spielt. Das Problem ist dreidimensional:
1. Wir haben kein KI-Ressort – und das ist eine politische Entscheidung
Österreich hat keinen KI-Minister. Deutschland auch nicht. Was wir haben, sind Querschnittskompetenzen, Interministerielle Arbeitsgruppen und Digitalisierungsbeauftragte ohne Entscheidungsbefugnis. In Wien diskutiert man ernsthaft, in welchem Unterausschuss ein eigenständiges KI-Ministerium überhaupt angesiedelt werden dürfte – während OpenAI gerade die Person einstellt, die die globale Zukunft persönlicher Agenten mitgestalten wird.
Das ist kein Versehen. Das ist eine Entscheidung. Wer KI als „Querschnittsmaterie" verwaltet, hat entschieden, sie nicht zu führen.
Und das Bitterste daran: Österreich hatte gerade einen Menschen, der dieses Amt hätte sein können. Nicht als Theoretiker. Nicht als Berater. Als Macher. Peter Steinberger – Gründer, 13 Jahre Unternehmenserfahrung, Erbauer eines viralen globalen Produkts in wenigen Wochen – saß in Wien und hat bewiesen, dass er beides kann: bauen und inspirieren. Ein Staatssekretär für Digitalisierung mit Steinberger an der Spitze eines echten KI-Ressorts hätte Österreich über Nacht zum europäischen Referenzpunkt gemacht. Der Mann, dem Sam Altman, Mark Zuckerberg und Satya Nadella persönlich nachlaufen, als Architekt der österreichischen Digitalstrategie – das wäre eine Geschichte gewesen, die Brüssel, Berlin und Tallinn aufhorchen lässt.
Niemand hat gefragt. Nicht ein einziger Politiker. Nicht ein einziger Staatssekretär. Nicht das Bundeskanzleramt. Nichts.
2. Die Medien, die sich lieber selbst unterhalten
Und die Medien? Während Sam Altman Steinberger am 15. Februar öffentlich ein „Genie" nennt und ganz Silicon Valley über den Oberösterreicher spricht, laufen in österreichischen Leitmedien die üblichen Geschichten: Wer wird der nächste Wirtschaftsminister? Gibt es eine Koalitionskrise? Hat Partei X Partei Y mit Aussage Z vor den Kopf gestoßen? Die Personalmechanik der Koalitionsarithmetik – das endlose Spekulieren darüber, wer welchen Sessel bekommt – frisst den Raum, der für die eigentlich wichtige Frage nötig wäre: Wer soll dieses Land in die digitale Zukunft führen? Und wer ist dafür schon bereit?
Steinberger war die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Das ist kein Medienproblem allein – das ist ein Symptom einer politischen Kultur, die Gegenwartsdrama über Zukunftsverantwortung stellt. Solange der nächste Personalrochaden-Leak wichtiger ist als die nächste Technologiestrategie, wird Europa weiter applaudieren, während Amerika weiter baut.
3. Europa reguliert die KI der anderen, weil es keine eigene hat
Der AI Act ist ein Meisterwerk europäischer Rechtstechnik. Und er reguliert im Wesentlichen Produkte, die in San Francisco, Seattle und Shenzhen entwickelt wurden. Wir setzen Standards für eine Industrie, an der wir kaum beteiligt sind. Das ist, als würde man die Verkehrsregeln für ein Land schreiben, in dem man kein Auto besitzt.
Mistral in Paris ist das einzige ernstzunehmende europäische Large-Language-Model-Unternehmen – und selbst Mistral kann Steinberger nicht das bieten, was OpenAI ihm bietet: Rechenpower auf globalem Niveau, 900 Millionen ChatGPT-Nutzer als potenzielle Plattform, und die Freiheit, wirklich groß zu denken.
4. Das Exil der Visionäre ist systemisch
In Europa darf man Visionär sein. Solange man sich an die Dienstwege hält. Wer das System hacken will, um es zu verbessern, wird als Risiko eingestuft – nicht als Rettung. Steinberger hat mit OpenClaw in wenigen Wochen mehr Aufmerksamkeit erzeugt als alle staatlichen KI-Förderprogramme Österreichs zusammen. Die institutionelle Reaktion? Schweigen.
Das Paradoxe daran: Wenn er jetzt aus San Francisco heraus die KI-Agenten der Zukunft baut, werden österreichische Politiker stolz verkünden, dass „ein Österreicher" an vorderster Front dabei ist. Als wäre das ein Erfolg. Als wäre nicht genau das das Problem.
BUILD – Was wir bräuchten, wenn wir es wollten
Ich sitze hier in New York und frage mich, ob Europa diese Frage überhaupt noch stellen will. Aber nehmen wir an, jemand will sie stellen. Dann wäre das die Agenda:
1. Ein eigenständiges KI-Ministerium mit echter Machtbefugnis. Nicht angesiedelt bei irgendeinem Staatssekretär für Digitalisierung im dritten Untergeschoss der Bürokratie. Ein vollwertiges Ressort, das über Budget, Regulierungshoheit und die Fähigkeit verfügt, innerhalb von Wochen zu entscheiden – nicht Jahren.
2. Ein europäischer Talentbindungsfonds – nicht als Stipendienprogramm, sondern als Gegenangebot. Wenn Zuckerberg persönlich via WhatsApp schreibt, muss Europa strukturell in der Lage sein zu antworten. Das bedeutet: Zugang zu europäischer Recheninfrastruktur, echte Autonomie, keine Bürokratieschranken, marktgerechte Vergütung. Ein Fonds, der in 48 Stunden handeln kann.
3. Geschwindigkeit als Staatsprinzip. Estland beweist seit 25 Jahren, dass staatliche Effizienz keine Utopie ist. „Einmal hingehen reicht" – das Once-Only-Prinzip – müsste für Talentförderung genauso gelten wie für Behördengänge. Wer ein virales KI-Projekt in Europa baut, sollte innerhalb einer Woche mit dem zuständigen Staatssekretär telefoniert haben. Nicht mit dessen Assistentin.
4. Fehlerkultur statt Kontrollkultur. Steinberger hat OpenClaw als „Playground-Projekt" gestartet – ohne Businessplan, ohne Risikoanalyse, ohne Unterausschuss. Genau deshalb ist es viral gegangen. Europäische Förderstrukturen belohnen den Businessplan und bestrafen den Mut. Das ist das Gegenteil von dem, was Innovation braucht.
5. Aufhören, den Abgang als Erfolg zu feiern. „Ein Österreicher bei OpenAI" ist keine Erfolgsmeldung. Es ist ein Armutszeugnis. Solange wir das nicht als solches benennen, ändert sich nichts.
Und jetzt?
Draußen vor meinem Fenster in Brooklyn ist es heute still. Keine Sirenen – aber du weißt nie, wie lange das so bleibt. Ich lebe in einem Land, das gerade seine eigenen Kontrollmechanismen demontiert. Maskierte Bundesagenten, ein erschossenes US-Bürger in Minneapolis, eine Klage von Städten gegen die eigene Bundesregierung. Das ist kein Dystopie-Roman. Das ist dokumentiert, belegt, diese Woche.
Und trotzdem verlässt einer der klügsten technologischen Köpfe Europas den Kontinent genau dorthin.
Ich sage das nicht, um Amerika zu verteidigen. Ich sage es, weil es die Frage stellt, die Europa endlich beantworten muss: Wenn selbst ein Land im demokratischen Erosionsprozess attraktiver ist als Europas Verwaltungsapparate – was sagt das dann über uns?
Peter Steinberger ist nicht gegangen, weil die USA besser sind. Er ist gegangen, weil er das Warten hasst. Und weil Europa ihm nichts angeboten hat, das das Warten wert wäre.
Das Ding-ding-ding in der Leitung klingt jetzt anders. Nicht wie ein Versprechen. Sondern wie eine Frage:
Wann haben wir aufgehört, groß zu denken – und angefangen, das Verwalten von Mangel als Erfolg zu verkaufen?
Quellen
– Peter Steinberger: OpenClaw, OpenAI and the future (Blog, Februar 2026)
– Sam Altman auf X: „Peter Steinberger is joining OpenAI…" (15. Februar 2026)
– TechCrunch: OpenClaw creator Peter Steinberger joins OpenAI (Februar 2026) – Trending Topics: OpenClaw – Europe Left Peter Steinberger With No Choice (Februar 2026)
– Der Standard: Das KI-„Genie" Peter Steinberger heuert bei OpenAI an (Februar 2026)
– Heise Online: KI-Hype OpenClaw – OpenAI nimmt österreichischen Entwickler unter Vertrag (Februar 2026)
– Handelsblatt: KI-Unternehmen: Open-Claw-Entwickler Steinberger wechselt zu OpenAI (Februar 2026)
– Brookings Institution: ICE expansion has outpaced accountability (Februar 2026)
– Center for American Progress: Trump Administration's ICE Has Become a Threat to Americans (Februar 2026)
– The Guardian: Renée Good autopsy – private report details shooting (Jänner 2026)
– Minneapolis City Attorney: MN AG, Minneapolis and Saint Paul sue to halt ICE surge (Jänner 2026)
– Human Rights Watch World Report 2026: United States
– American Immigration Council: How ICE Went Rogue – Legal Analysis (Februar 2026)
– European AI Act (EUR-Lex, 2024)
– Mistral AI – About (mistral.ai)