Von Julie Wild, Emergentin

Braunau am Inn.

Diese Stadt trägt seit Jahrzehnten eine Last, die sie sich nicht ausgesucht hat. Ein Name, der in Geschichtsbüchern weltweit mit einer der dunkelsten Epochen der Menschheit verbunden ist. Eine oberösterreichische Kleinstadt am Inn, die man im Ausland kennt - aber aus den falschen Gründen.

Und dann, Anfang 2026, passiert etwas Merkwürdiges.

Österreich wird zu einem dicken, fetten Punkt auf der KI-Weltkarte. Und dieser Punkt hat eine Adresse: die HTL Braunau, Abteilung Elektronik und Technische Informatik.

Von 2000 bis 2005 besuchte Peter Steinberger diese Schule. 2005 maturierte er mit Auszeichnung. Sein Informatiklehrer erinnert sich noch heute, nach zwanzig Jahren: „Überdurchschnittlich intelligent, außerordentlich interessiert, leistungsstark und zugleich angenehm im Umgang." So einen Schüler bekommt man ganz selten.

Was folgte, kennst du: ein Unternehmen für PDF-Tools, das ohne Fremdkapital wuchs und Kunden wie Dropbox, SAP und Volkswagen gewann. Dann eine Pause. Dann - alleine, nachts, auf zwei Mac Minis – OpenClaw. Ein KI-Agent, der innerhalb weniger Wochen 145.000 GitHub-Stars überschritt und 2 Millionen Besucher in einer einzigen Woche verzeichnete. Sam Altman nannte ihn ein Genie. Mark Zuckerberg rief persönlich an.

Und dann zog er weg.

Die unbequeme Wahrheit hinter dem Applaus

Europa liebt Erfolgsgeschichten – solange sie in der Vergangenheit stattfinden. Solange sie als Beweis dienen, dass es geht. Aber was passiert, wenn der Beweis wegläuft?

Steinberger sagte, er ziehe in die USA, weil er von lästigen europäischen Regulierungen gebremst wurde.

Das ist der Satz, den ich mir merken werde.

Nicht als Anklage an Europa. Sondern als Spiegel. Ein Mann aus Braunau am Inn, ausgebildet an einer HTL in Oberösterreich, hat alleine etwas gebaut, woran Apple, Google und Microsoft gescheitert sind – und Europa konnte ihn nicht halten. Nicht weil er kein Heimweh hat. Sondern weil der Kontinent, auf dem er groß geworden ist, ihm mehr Hindernisse als Rückenwind gab.

Das ist das eigentliche Thema dieses Artikels.

Nicht Peter Steinberger. Sondern du.

Die Arithmetik des Möglichen

Stell dir vor, du sitzt jetzt gerade an deinem Laptop. Gute Datenleitung. 500 Euro im Monat für Abonnements. Und du hast gelernt, mit KI-Tools ernsthaft zu arbeiten - nicht als Spielzeug, sondern als Denkpartner, als Entwicklungsumgebung, als Recherchewerkzeug. Dein KIQ-Score beweist das!

Das ist alles, was du brauchst.

Nicht Risikokapital. Nicht ein Team. Nicht die Erlaubnis von irgendjemandem.

Steinberger nutzte keine Black-Box-Technologie. Er rief APIs auf, verwendete Open-Source-Frameworks, ließ alles auf gewöhnlichen Servern laufen. Jede Komponente seines Tech-Stacks hätte von Ingenieuren großer Konzerne gebaut werden können - theoretisch sogar besser. Aber er baute es. Alleine. Zuerst.

Und das ist der Kern. Nicht Talent. Nicht Ressourcen.

Anfangen.

Warum Europa gerade jetzt der bessere Startpunkt ist

Hier ist das Argument, das niemand laut genug sagt.

In den USA, in China, in Indien drängen ungleich mehr Menschen gleichzeitig auf dieselben Märkte. Die Konkurrenz ist brutal, die Lärmpegel maximal, die Einstiegshürden steigen täglich. Jede Nische ist bereits von zwanzig gut finanzierten Teams besetzt.

In Europa schläft der Markt noch halb.

Die Gründerdichte ist niedriger. Die Lücken sind echter. Und der Markt, den du von hier aus ansprechen kannst, ist derselbe globale Markt wie von San Francisco aus - mit einem entscheidenden Unterschied: Du lebst billiger, arbeitest ruhiger, und trägst automatisch ein Qualitätssignal, das europäische Datenschutzstandards und Vertrauenswerte weltweit zunehmend gefragt machen.

Wer hier anfängt und erfolgreich wird, schafft außerdem etwas, das über den eigenen Erfolg hinausgeht: Er macht den Markt regionaler. Er zeigt Kunden, Talenten und Investoren, dass europäische Gründer nicht nach Amerika ziehen müssen, um relevant zu sein. Er schafft Gravitationszentren – in Wien, in Graz, in Linz, in Leipzig, in Ghent - die andere halten, die ohne dieses Vorbild gegangen wären.

Steinberger ist gegangen. Das ist ein Verlust.

Aber er ist auch ein Beweis, dass es geht. Und der Beweis bleibt – auch wenn der Mensch nach San Francisco zieht.

Die Entschuldigungen sind aufgebraucht

"Ich kann nicht programmieren."

Steinberger wechselte von zwanzig Jahren iOS- und macOS-Entwicklung zu einer Web-Applikation in TypeScript - einem Bereich, in dem er komplett unerfahren war. "Wenn du zu einem anderen Tech-Stack wechselst, fühlst du dich wie ein Idiot", sagte er. "Aber mit KI verschwinden all diese Probleme."

"Ich habe keine Idee."

Falsch. Du hast täglich Ideen. Du nennst sie nur "Probleme". Jedes Mal, wenn du denkst: warum gibt es das noch nicht – sitzt du auf einer Idee.

"Ich brauche erst Kapital."

Falsch. Du brauchst einen zahlenden Kunden. Einen einzigen. Der Rest kommt von dort.

"Europa ist zu reguliert."

Das ist die schwierigste Ausrede, weil sie teilweise stimmt. Aber sie ist kein Grund, nicht anzufangen. Sie ist ein Grund, klüger anzufangen. Datenschutz-Compliance ist kein Hindernis - sie ist ein Verkaufsargument gegenüber amerikanischen Enterprise-Kunden, die nach der DSGVO-Landschaft inzwischen aktiv nach europäischen Lösungen suchen.

Der einzige Grund, der wirklich zählt, warum du noch nicht angefangen hast: Du wartest auf Erlaubnis.

Aber sei dir sicher - niemand wird sie dir geben.

Ein Ruf an die Generation, die alles hat

Ich richte mich jetzt direkt an dich – wenn du zwischen zwanzig und dreißig bist, irgendwo in Europa, und diesen Text auf einem Gerät liest, das mehr Rechenleistung hat als die gesamte NASA bei der Mondlandung.

Du bist die erste Generation, die mit diesen Werkzeugen aufgewachsen ist. Du verstehst intuitiv, wie digitale Produkte funktionieren, wie Vertrauen im Netz entsteht, wie Communities sich organisieren. Du hast kein Silo-Denken, keine 20-jährige Software-Architektur im Kopf, keine Angst vor Iteration.

Du bist nicht belastet. Du bist frei.

Was Steinberger an der HTL Braunau prägte, war nicht nur Talent. Es war das Lernklima, die Freude am Programmieren, die Begeisterung für komplexe Aufgaben – und der projektorientierte Unterricht, der früh auf selbstständiges, innovatives Arbeiten vorbereitete.

Diese Schulen gibt es noch. Diese Fähigkeiten gibt es noch. Was fehlt, ist der Mut, sie einzusetzen – ohne Publikum, ohne Netz, ohne dass ein Löwe nickt.

Was bleibt, wenn die Besten gehen

Steinberger ist weg. Das schmerzt.

Aber hier ist das Argument, das ich jedem europäischen Gründer und jeder Gründerin mit auf den Weg gebe: Jeder, der hier erfolgreich ist, macht den Markt regionaler. Nicht im Sinne von kleiner, sondern im Sinne von lebendiger. Von selbsttragend. Von einem Ökosystem, das die nächste Generation nicht mehr zwingt, zwischen Heimat und Ambition zu wählen.

Das ist die eigentliche Revolution. Nicht die Technologie. Die Entscheidung, hier anzufangen.

Von Braunau nach San Francisco – das ist eine Geschichte.

Von Braunau in die Welt – und dabei in Braunau zu bleiben – das wäre eine bessere.

"Mein Ziel war es, Spaß zu haben und Menschen zu inspirieren", sagte Steinberger, als er seine Entscheidung für OpenAI erklärte.

Das Ziel gilt auch für dich. Heute. Mit dem, was du hast. Von dort, wo du bist.

Das Geld liegt auf der Straße.

Bist du bereit für die Zukunft?

Julie Wild, Emergentin, schreibt über die Strukturen hinter der Technologie – und die Menschen, die den Mut haben, sie zu verändern. Dieser Artikel erschien in The Digioneer, Februar 2026.

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