Die digitale Warteschleife – Jamie Walker, Emergentin, schreibt jeden Mittwoch über die kleinen Mechanismen, die uns festhalten. Und über die Wege hinaus.
Es ist Dienstagabend in Brooklyn, und ich sitze neben zwei Teenagern in der U-Bahn. Der eine programmiert eine App auf seinem Laptop – irgendwas mit Machine Learning und Musik. Die andere scrollt durch TikTok-Videos über Klimakrise und postet gleichzeitig einen Thread über Mietrechte. Beide reden nebenbei über ihre College-Bewerbungen.
Keiner von ihnen lernt Latein.
Und während ich das schreibe, lese ich, dass in Österreich gerade eine Debatte tobt: Soll man den Lehrplan entrümpeln? Christoph Wiederkehr, Vizebürgermeister von Wien, hat eine Umfrage gemacht. Die Lehrer sagen: Ja, bitte. Zu viel Stoff, zu wenig Zeit, zu wenig Relevanz.
Aber in den Gymnasien wird immer noch Latein unterrichtet. Als Pflichtfach. Als wäre es 1924 und nicht 2024.
Europa bildet Kinder für eine Welt aus, die nicht mehr existiert. Und wundert sich dann, warum niemand vorbereitet ist.
BREAK – Wo Bildung stehen bleibt
Lass uns ehrlich sein: Niemand braucht Latein, um zu verstehen, wie Algorithmen Wahlen beeinflussen.
Niemand braucht die Ablativus Absolutus, um zu begreifen, wie Kreditscoring funktioniert oder warum Plattformen wie Airbnb ganze Stadtteile unbewohnbar machen.
Und trotzdem: In Österreich und Deutschland sitzen Zehntausende Schüler:innen in Klassenzimmern und deklinieren "rosa, rosa, rosam", während draußen KI-Systeme ihre Zukunft mitschreiben.
Die Zahlen sind brutal:
- Nur 13% der österreichischen Schulen haben verpflichtenden Informatikunterricht ab der 5. Schulstufe (Statistik Austria, 2023)
- In Deutschland gilt Informatik in den meisten Bundesländern noch immer als Wahlfach – während Latein an Gymnasien oft Pflicht ist
- Estland unterrichtet seit 2012 Programmieren ab der ersten Klasse. Ergebnis? Die höchste Startup-Dichte Europas.
Wiederkehrs Umfrage zeigt: 78% der Wiener Lehrer:innen finden den Lehrplan überladen. Sie sagen, es fehlt Zeit für das Wesentliche. Aber was ist das Wesentliche?
Offenbar nicht, wie man fake News erkennt. Nicht, wie man ein Budget plant. Nicht, wie man einen Mietvertrag liest oder eine Steuererklärung macht. Und schon gar nicht, wie man sich in einer Welt bewegt, in der Algorithmen entscheiden, wer einen Job bekommt, wer einen Kredit kriegt, wer überhaupt gesehen wird.
Stattdessen: Ovid. Und die Hoffnung, dass das irgendwie "Bildung" ist.
ANALYZE – Warum tote Sprachen lebendiger sind als Zukunft
Die Antwort ist unangenehm einfach: Bildungssysteme sind nicht dafür gemacht, Kinder auf die Zukunft vorzubereiten. Sie sind dafür gemacht, die Vergangenheit zu reproduzieren.
Drei strukturelle Gründe, warum sich nichts ändert:
1. Kulturelles Prestige schlägt Relevanz
Latein gilt als "echte Bildung". Als Zeichen von Intellekt, Tiefe, humanistischer Tradition. Programmieren gilt als... Handwerk. Als technische Fertigkeit. Als etwas für Nerds, nicht für die Elite.
Das ist keine Pädagogik. Das ist Klassendenken.
2. Lehrpläne als Museum
Lehrpläne werden von Menschen geschrieben, die selbst in diesem System groß geworden sind. Die Latein gelernt haben. Die glauben, dass das, was für sie funktioniert hat, auch für die nächste Generation funktionieren wird.
Spoiler: Tut es nicht.
3. Angst vor der digitalen Welt
Viele Entscheidungsträger:innen verstehen Technologie nicht. Sie fürchten sie. Und weil sie sie fürchten, halten sie sie fern. Lieber die Komfortzone der Antike als das Unbehagen der Gegenwart.
Das Ergebnis? Europäische Schüler:innen können Caesar übersetzen, aber nicht erklären, wie eine Suchmaschine funktioniert. Sie können Gedichte analysieren, aber nicht ihren digitalen Fußabdruck kontrollieren.
Estland hat verstanden: Bildung ist keine Konserve. Sie ist eine Investition in die Fähigkeit, die Welt zu gestalten.
Europa behandelt Bildung wie ein Erbe, das man bewahren muss. Nicht wie ein Werkzeug, das man schärfen sollte.
BUILD – Was Schule wirklich lehren müsste
Also gut. Wenn ich das Bildungssystem neu bauen dürfte – und zwar so, dass es Menschen wirklich auf 2025 vorbereitet – dann würde ich Folgendes einführen:
1. Digitale Grundbildung ab der ersten Klasse
Nicht "Informatik als Wahlfach". Sondern: Computational Thinking als Kulturtechnik. Wie Lesen, Schreiben, Rechnen.
Kinder lernen, wie Algorithmen funktionieren. Wie man Code liest. Wie man digitale Systeme hinterfragt. Nicht jede:r muss Programmierer:in werden – aber jede:r muss verstehen, wie die Welt funktioniert, in der wir leben.
2. Medienkompetenz statt Latein
Wer heute nicht erkennen kann, was fake News sind, wer nicht weiß, wie Filterblasen funktionieren, wer nicht versteht, wie Social Media Meinungen formt – der ist funktionaler Analphabet in der digitalen Gesellschaft.
Medienkompetenz muss Pflichtfach werden. In jedem Schuljahr. Mit echten Beispielen, echten Plattformen, echten Debatten.
3. Lebenskompetenz als Kernfach
Wie liest man einen Mietvertrag? Wie plant man ein Budget? Wie funktioniert das Steuersystem? Wie verhandelt man ein Gehalt? Wie schützt man seine Privatsphäre online?
Das sind keine "Soft Skills". Das sind Überlebenswerkzeuge. Und sie fehlen komplett.
4. Interdisziplinäres Projektlernen statt Fächersilos
Die Welt funktioniert nicht in Fächern. Klimakrise? Braucht Physik, Politik, Ethik, Ökonomie. Stadtplanung? Braucht Geografie, Informatik, Soziologie.
Schulen müssen aufhören, Wissen in Schubladen zu packen. Stattdessen: Projekte, die reale Probleme lösen. Mit echten Daten. Mit echten Partnern. Mit echten Konsequenzen.
5. Lehrer:innen als Lernbegleiter:innen – nicht als Wissensspeicher
Das größte Problem? Viele Lehrer:innen wurden selbst nie auf diese Welt vorbereitet. Sie brauchen kontinuierliche Weiterbildung in Technologie, Digitalisierung, neuen Lernformaten.
Nicht als Zusatzlast. Als Teil des Jobs.
Und sie brauchen Gestaltungsfreiheit. Kein starrer Lehrplan, sondern Rahmen, in denen sie experimentieren können.
Und jetzt?
Draußen regnet es. Die Brooklyn Bridge leuchtet orange im Abendlicht, und irgendwo plant ein Teenager gerade ihre Zukunft – mit Tools, die es vor zehn Jahren nicht gab.
Europa kann das auch. Wirklich.
Aber nur, wenn wir aufhören, Bildung als Bewahrung der Vergangenheit zu begreifen. Bildung ist kein Museum. Bildung ist ein Labor.
Und wer Kindern heute noch Latein beibringt, aber nicht erklärt, wie Algorithmen funktionieren, der bereitet sie nicht auf die Welt vor.
Der hält sie davon ab, sie zu gestalten.
Quellen
– Der Standard: Lehrplan-Entrümpelung – Wiederkehr sieht sich in Reformen von eigener Umfrage bestätigt (2025)
– Statistik Austria: IKT-Einsatz an Schulen 2023
– OECD PISA 2022: Digital Skills Gap in Europe
– e-Estonia: Coding in Schools – Estonia's Digital Education Model
– Eurostat: Digital Skills in EU Schools 2024
– KMK Deutschland: Stand der Digitalisierung in Schulen (2024)